Spann, Othmar; Ps. Othmar Rheinsch (1878-1950), Philosoph, Ökonom und Sozialwissenschaftler

Spann Othmar, Ps. Othmar Rheinsch, Philosoph, Ökonom und Sozialwissenschaftler. Geb. Altmannsdorf, NÖ (Wien), 1. 10. 1878; gest. Neustift bei Schlaining (Bgld.), 8. 7. 1950. – Sohn eines Papierfabrikanten, ab 1906 verehel. mit der Schriftstellerin Erika, geb. Rheinsch (1880–1967). S. begann zunächst als Gasthörer an der Univ. Wien ein Stud. in Nationalökonomie, Gesellschaftslehre und Phil., das er an den Univ. Zürich, Bern und Tübingen fortsetzte; 1903 Prom. summa cum laude zum Dr. rer. pol. an der Univ. Tübingen. I. d. F. mit statist. Untersuchungen in der Zentrale für private Fürsorge in Frankfurt am Main befaßt, war S. Ende 1904 Mitbegründer der Z. „Kritische Blätter für die gesamten Staatswissenschaften“ (Berlin) und habil. sich 1907 aus Nationalökonomie und Gesellschaftslehre an der TH Brünn mit der Schrift „Wirtschaft und Gesellschaft“. Nachdem er ab 1908 als Vizesekr. der Statist. Zentralkomm. die Vorbereitungen für die Volkszählung von 1910 geleitet hatte, wurde er 1909 ao., 1911 o. Prof. für Volkswirtschaftslehre und Statistik an der TH Brünn. 1914 als Lt. eingerückt, wurde S. an der Ostfront schwer verwundet und 1916 dem wiss. Komitee für Kriegswirtschaft im Kriegsmin. zugeteilt. 1919 wurde er als Ordinarius für Polit. Ökonomie und Gesellschaftslehre an die jurid. Fak. der Univ. Wien berufen; 1933 k. M. der Akad. der Wiss. in Wien. S., dessen Vorlesungen und Seminare sich eines regen Zulaufs erfreuten, stellte die Idee der Ganzheit – derzufolge die Ges. als Ganzes dem Individuum übergeordnet sei, welches selbst andererseits nur als Teil im Ganzen existieren könne – ins Zentrum seiner Lehre. Während er sich in der Phil. zum Idealismus bekannte und seine Kritik gegen alle empirist. Positionen richtete, legte er in seiner universalist. Gesellschaftslehre, die er dem Individualismus gegenüberstellte, einen Systementwurf vor, der letztl. in der Propagierung eines dezentral organisierten Ständestaates mündete, wie ihn S. in „Der wahre Staat“, 1921, entwickelte. Diese ständestaatl. Vorstellungen flossen sowohl in die Forderungen der Heimwehren als auch in die (von ihm allerdings kritisierte) ständestaatl. Verfassung Österr. von 1934 ein und fanden vorerst auch bei den Nationalsozialisten in Dtld. Beachtung. Von dieser Seite wurden S.s Auffassungen jedoch ab Mitte der 30er Jahre zunehmend attackiert, was schließl. in seiner Verhaftung unmittelbar nach dem „Anschluß“ 1938 und einer fünfmonatigen Gefangenschaft in München kulminierte. Danach mit Lehrverbot belegt, zog sich S. auf seinen Besitz im Bgld. zurück. Auch nach 1945 wurde ihm die Rückkehr an die Univ. versagt, er wurde beurlaubt und 1949 pensioniert.

W. (auch s. u. Almanach Wien; Pichler): Gesamtausg., ed. W. Heinrich u. a., 21 Bde., 1963–79; etc. – Ed.: Die Herdflamme. Smlg. der gesellschafts(-)wiss. Grundwerke aller Zeiten und Völker, 1922ff.; Ständ. Leben. Bll. für organ. Gesellschafts- und Wirtschaftslehre, 1931ff.; etc.
L.: Almanach Wien 101, 1952, S. 383ff. (m. W.); Czeike; Kosch (auch für Erika S.-Rheinsch); M. Schneller, Zwischen Romantik und Faschismus. Der Beitr. O. S.s zum Konservativismus der Weimarer Republik (= Kieler Hist. Stud. 12), 1970; K.-J. Siegfried, Universalismus und Faschismus. Das Weltbild O. S.s, 1974; J. Haag, in: Austrian History Yearbook 12–13, 1976–77, 1978, S. 227ff.; O. S. Leben und Werk, ed. W. Heinrich u. a. (= O. S., Gesamtausg. 21), 1979 (m. B., W. und L.); Internationales Soziologenlex. 1, ed. W. Bernsdorf – H. Knospe, 2. Aufl.1980; J. H. Pichler, O. S. oder „Die Welt als Ganzes“ (= Monographien zur Österr. Kultur- und Geistesgeschichte 4), 1988 (m. W. und L.); E. Hanisch, Der lange Schatten des Staates, 1994, s. Reg.; Biograph. Wörterbuch zur dt. Geschichte 2, bearb. K. Bosl u. a., Nachdruck 1995; Biographical Dictionary of Twentieth-Century Philosophers, ed. S. Brown u. a., 1996; G. Resele, O. S.s Ständestaatskonzeption und polit. Wirken, phil.DA Wien, 2001; Großes Werklex. der Phil., ed. F. Volpe, 2004; Website des Archivs für die Geschichte der Soziol. in Österr.; UA, Wien; Mitt. Erich Heintel (†), J. Hanns Pichler, beide Wien.
(Ch. Mentschl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 58, 2005), S. 447f.
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