Spielmann, Rudolf (1883–1942), Schachgroßmeister

Spielmann Rudolf, Schachgroßmeister. Geb. Wien, 5. 5. 1883; gest. Stockholm (Schweden), 20. 8. 1942; mos. Bruder von Leopold (s. d.) und Melanie S. (s. u. Leopold S.). S. absolv. nach dem Schulbesuch eine Kaufmannslehre. Bereits in der Kindheit hatte ihm der Vater ebenso wie seinem Bruder Leopold das Schachspielen nahegebracht, wobei sich beide als äußerst begabt erwiesen. S. galt als Schach-Wunderkind und wurde 1903 Berufsspieler. Um die Jh.wende übersiedelte er nach München, wo seine beiden Schwestern lebten, im 1. Weltkrieg leistete er Kriegsdienst im österr. Heer, zuletzt als Landsturmlt. an der italien. Front, danach kehrte er nach Wien zurück. Obwohl er auch das Positionsspiel beherrschte, war er in erster Linie ein starker Angriffsspieler, der jedoch aufgrund seiner Angriffslust ungleichmäßige Turnierresultate erzielte. Er nahm an mehr als 100 Turnieren teil und bestritt 50 Wettkämpfe. Seine größten Erfolge waren die Siege bei den Turnieren 1912 in Abbazia (Opatija) – wo ihm der Ehrentitel des „letzten Ritters des Königsgambits“ durch Savielly Tartakower verliehen wurde –, 1914 in Baden und v. a. 1926 am Semmering, wo er u. a. die Großmeister Alexander Aljechin, Milan Vidmar, Aaron Nimzowitsch und Akiba Rubinstein schlagen konnte. 1927 gewann er die Dt. Meisterschaft in Magdeburg. In seiner Glanzzeit in der zweiten Hälfte der 20er Jahre gehörte S. zu den stärksten Spielern der Welt, in den 1930er Jahren ließ seine Spielstärke allmähl. nach. Ab 1934 hielt er sich selten in Österr., sondern zumeist in Holland auf, nach dem „Anschluß“ ging er zuerst zu seinem Bruder nach Prag, von wo er knapp vor dem Einmarsch der Dt. Wehrmacht nach Schweden entkommen konnte. In Stockholm lebte er mittellos und zuletzt deprimiert und vereinsamt, spielte Turniere, schrieb Kommentare für Schachztg. und arbeitete an seinen Memoiren, vergebl. auf eine Emigration in die USA hoffend. S. trat auch als Schachpublizist hervor, am bekanntesten ist wohl sein „Richtig opfern!“, 1935, das mehrfach aufgelegt und in verschiedene Sprachen übers. wurde.

W. (auch s. u. Ehn): K. Schlechter (= Stockholms schackförbunds bibl. 5), 1924; Ein Rundflug durch die Schachwelt (= Veits kleine Schachbücherei 13), 1929; Bad Sliač 1932. Smlg. der 91 Partien dieses Turniers, 1932; Abhh. zum Schachspiel, in: R. S. Portrait des Schachmeisters in Texten und Partien, ed. M. Ehn, 1996; etc.
L.: Hdb. jüd. AutorInnen; P. Feenstra Kuiper, 100 Jahre Schachturniere, 1964, S. 287, 305 (m. B.); H. C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, 1974, s. Reg.; T. Schuster, Unvergessene Schachpartien 1, 1974, S. 65ff.; Wr. Schachnachrichten, Juni/Juli 1978; R. S. Portrait des Schachmeisters in Texten und Partien, ed. M. Ehn, 1996 (m. B., W. u. L.); Mitt. Egon Spitzenberger, Wien (gest.).
(E. Lebensaft – Ch. Mentschl)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 59, 2007), S. 25f.
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