Spira, Jacob Fritz (1877–1943), Schauspieler und Sänger

Spira Jacob Fritz, Schauspieler und Sänger. Geb. Wien, 1. 8. 1877; gest. im KZ, vermutl. 1943 (ermordet); mos. Sohn eines Antiquitätenhändlers. S. besuchte gegen den Willen der Eltern 1894–96 die Schauspielschule des KdM in Wien und trat 1897 am Stadttheater Olmütz (Olomouc) als jugendl. Liebhaber sein erstes Engagement an. Dieser Rollentypus und der des Bonvivants verließen ihn in den folgenden Jahren nicht mehr, später wechselte er in das Fach des Charakterdarstellers und Père noble. Nach seinem Debüt trat S. in Troppau (Opava), 1899 wieder in Olmütz, 1900 in Breslau (Wrocław) v. a. in den großen Liebhaberrollen des klass. Repertoires auf (u. a. Leander in Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen“, Ferdinand in Goethes „Egmont“, Mortimer in Schillers „Maria Stuart“) und war 1901/02 am Wr. Theater in der Josefstadt (unter J. Jarno, s. d.) engag. Er spielte 1901 an M. Reinhardts (s. d.) Berliner Kleinkunstbühne „Schall und Rauch“, verkörperte – nach einem Engagement am Berliner Residenz-Theater 1902/03 – 1903 den Aljoschka in der dt. Erstauff. von Maxim Gorkis „Nachtasyl“ an Reinhardts Kleinem Theater in Berlin und trat 1904 auch an dessen Neuem Theater auf. 1905 kam S. ans Berliner Lustspielhaus, 1906 ans Dt. Schauspielhaus in Hamburg, 1908 ans Residenztheater in Frankfurt am Main, an dem er u. a. den Moritz in Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ und den Oswald in Henrik Ibsens „Gespenster“ spielte. Nach weiteren Engagements in Berlin und Teilnahme am 1. Weltkrieg spielte er 1919 am Theater in Berndorf (NÖ), i. d. F. wieder in Berlin (1923 Kom. Oper, 1930–33 Metropol-Theater und „Rotterbühnen“). Seine letzte bedeutende Bühnenrolle hatte S. im Dezember 1933 in der Urauff. von Eduard Künnekes Operette „Die lockende Flamme“ am Berliner Theater des Westens. S. erzielte durch seinen österr. Sprachton, sein elegantes Auftreten und sein charmantes, wiener. Wesen auf der Bühne große Wirkung und war auch als Operettensänger erfolgreich. Noch vor dem 1. Weltkrieg war er beim Film tätig, große Filmrollen verkörperte er i. d. F. als Gouverneur Fuller in „Im Schatten des elektrischen Stuhls“ (1927) und als K. Franz Joseph in „Die dritte Eskadron“ (1926). Die selbe Rolle spielte er in „Das Schicksal derer von Habsburg“ (1928) und in „Kaiserwalzer“ (1932). 1930 wirkte er im ersten abendfüllenden Dokumentarfilm der Ufa, „Am Rande der Sahara“, mit, trat bald jedoch nur mehr in Nebenrollen auf. 1934 mußte er vor dem Naziregime nach Polen flüchten – 1935 Oberspielleiter am Stadttheater in Bielitz (Bielsko-Biała) und sich vermutl. 1936 von seiner nichtjüd. Frau, der Bühnen- und Filmschauspielerin Lotte S., geb. Andresen (1881–1943), scheiden lassen. Ab Mitte 1935 lebte S. wieder in Wien, wurde am 3. 3. 1941 im Rahmen der sog. „Polen-Aktion“ deportiert und – vermutl. 1943 – im KZ umgebracht. Seine Tochter Camilla S., verehel. Eisner, Schülerin der Schauspielschule Reinhardts, war eine erfolgreiche Bühnen- und Filmschauspielerin, mußte 1933 ihre Laufbahn aufgeben und 1938 nach Holland emigrieren. Ab 1947 war sie wieder auf Berliner Bühnen und in vielen Filmproduktionen tätig. S.s zweite Tochter, Steffie S., verehel. Ruschin, spielte 1926–29 an Berliner Bühnen, war Mitgl. der kommunist. Agitprop-Truppe „Truppe 31“, mußte 1933 emigrieren und kam 1941 nach Mexico City. 1947 kehrte sie nach Dtld. zurück und spielte ab 1948 an Ostberliner Theatern zahlreiche große Rollen.

L. (tw. auch für die anderen Familienmitgl.): Kosch, Theaterlex.; Ulrich; Neuer Theater-Almanach (bzw. Dt. Bühnen-Jb.) 8ff., 1897ff.; A. Bauer, Dt. Spielfilm Almanach 1929–50, 1976; K. Wendtland, Geliebter Kintopp ... 1929/30ff., 1987ff.; G. Dahlke – G. Karl, Dt. Spielfilme von den Anfängen bis 1933, 1988, s. Reg.; U. J. Klaus, Dt. Tonfilme 1ff., 1988ff.; S. Spira, Rote Fahne mit Trauerflor. Tagebuch-Notizen, 1990; dies., Trab der Schaukelpferde, 1991 (Autobiographie); U. Liebe, Verehrt, Verfolgt, Vergessen. Schauspieler als Naziopfer, 1992, S. 247f.; K. Weniger, Das große Personenlex. des Films 7, 2001; Archiv des Theaters in der Josefstadt, Archiv der GdM, DÖW, WStLA, alle Wien.
(D. Loibl)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 59, 2007), S. 31f.
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