Spitzer, Frédéric (Sámuel) (1815–1890), Kunsthändler, Antiquar und Sammler

Spitzer Frédéric (Sámuel), Kunsthändler, Antiquar und Sammler. Geb. vermutl. Wien, 15. 12. 1815; gest. Paris (Frankreich), 23. 4. 1890. Sohn eines Totengräbers der jüd. Gmd. in Preßburg. S. begab sich nach Kriegsteilnahme in Italien 1848 auf Wanderschaft durch Dtld., England, Belgien und die Niederlande. Inspiriert durch Kontakte zu engl. Sammlern begann S. Kunstgegenstände zu erwerben, wobei er angebl. durch den Wiederverkauf eines für nur fünf Gulden erstandenen Dürer-Gemäldes den Grundstein zu seinem Vermögen legte. 1852 ließ sich S. in Paris nieder und avancierte i. d. F. zum führenden Antiquitätenhändler und -sammler für Objekte vom Mittelalter bis zur Spätrenaissance; 1855 etablierte er in Aachen die Niederlassung Spitzer: Kunst- und Antiquaten-Handlung. Die in seinem Pariser Palais als Gesamtkunstwerk inszenierte Smlg. wurde zum beliebten Treffpunkt für „le monde riche“ aus Aristokratie, Politik und Kunst (so zählte auch die Familie Rothschild zu seiner Klientel); Glanzstücke der Smlg. sorgten auf den Pariser Weltausst. 1878 und 1889 für großes Aufsehen. Das „Musée Spitzer“ umfaßte Waffen, Rüstungen, Tapisserien, Möbel, Fayencen, Reliquiare, Goldarbeiten, Uhren etc. und rivalisierte mit den aufkommenden Kunstgewerbemus. in England und Dtld.; der aufwendig hergestellte, tw. jedoch erst postum publ. Smlg.kat. „La Collection Spitzer: Antiquité – moyen-âge – renaissance“, 6 Bde., 1890–93 (mit farbigen Abb.), übertraf alle bisher erschienenen einschlägigen Kat. Für seine Verdienste erhielt S. 1875 den Franz Joseph-Orden, 1885 den Orden der Eisernen Krone III. Kl. und war Ritter bzw. Off. der französ. Ehrenlegion. Da auch drei Jahre nach S.s Tod kein Käufer für die einzigartige Smlg. gefunden werden konnte, wurde sie, wie in seinem Testament vorgesehen, 1893 versteigert. Von Vertretern der großen europ. Mus. und internationalen privaten Sammlern besucht, erzielte die „Auktion des Jahrhunderts“ mit ihren mehr als 3.000 Objekten 9,1 Mio. Francs. Spätere Forschungen ließen allerdings die Authentizität von Objekten der Provenienz S. mitunter fragl. erscheinen: So kombinierte S. nicht nur Originalfragmente von Kunstobjekten unterschiedl. Herkunft zu einem neuen Ganzen, sondern dürfte auch Fälschungen bei Kunsthandwerkern in Auftrag gegeben haben.

L.: NFP, 25. 3. 1903; International Herald Tribune, 8. 7. 2000; Enc. Jud.; Jew. Enc.; M. Zsidó Lex.; Universal Jew. Enc.; E. Bonnaffé, Le musée S., 1890; Cat. des objets d’art et de haute curiosité antiques, du moyen-âge & de la renaissance ... collection S., 2 Bde., 1893; S. Beissel, Gefälschte Kunstwerke, 1909, s. Reg.; J. Hayward, in: The Burlington Magazine 112, 1970, S. 669ff.; The Dictionary of Art 29, 1996; IKG, Wien.
(Ch. Huemer)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 59, 2007), S. 39
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