Staud, Johann (1882–1939), Gewerkschafter und Politiker

Staud Johann, Gewerkschafter und Politiker. Geb. Rohozna, Böhmen (Rohozná, Tschechien), 22. 5. 1882; gest. KZ Flossenbürg, Dt. Reich (Dtld.), 2. 10. 1939; röm.-kath. Unehel. Sohn einer Magd. S. wuchs in Nursch (NÖ) auf, erlernte in Wien das Schuhmacherhandwerk und trat nach Beendigung der Lehrzeit dem Kath. Gesellenver. bei. Auf seinen Wanderjahren durch die Rheinlande sammelte er erste Organisationserfahrungen bei den dt. christl. Gewerkschaften. Nach seiner Rückkehr 1908 schloß sich S. der christl. Arbeiterbewegung Leopold Kunschaks an. Er betätigte sich im Fachver. der christl. Schuhmachergehilfen Wiens und war später an der Gründung des christl. Lederarbeiterverbands beteiligt, 1909 Obmann. 1915 zum Kriegsdienst eingezogen, wurde er bereits nach kurzer Zeit an der russ. Front verwundet, später aus dem Militärdienst entlassen. Nach Kriegsende beteiligte sich S. maßgebl. an der Reorganisation der christl. Gewerkschaften. Neben seiner Tätigkeit in der Lederarbeitergewerkschaft war er 1920–23 Obmann des Graph. Zentralverbands und 1922–34 auch Vors. der christl. Textilarbeitergewerkschaft. Ab 1921 engagierte er sich als Sekr. im Wr. Stadtkartell der christl. Gewerkschaften (ab 1929 Landeskomm. der christl. Gewerkschaften Wiens) und war Red. und Hrsg. mehrerer christl. Gewerkschaftsbll. 1927 wurde er Gen.sekr. der Zentralkomm. christl. Gewerkschaften Österr. (seit 1911 Leitungsmitgl.) und verantwortl. Schriftleiter des „Christlichen Gewerkschafters“. 1923 erhielt er ein Mandat in der Wr. Arbeiterkammer. Auch in die internationale Gewerkschaftsarbeit brachte sich S. schon seit Mitte der 1920er Jahre als Vorstandsmitgl. des Internationalen Bundes christl. Textilarbeiterverbände sowie des Internationalen Bundes christl. Gewerkschaften ein. Ab der Gründung des Freiheitsbunds 1928 gehörte er dessen Bundesleitung an, von 1930 bis zur Auflösung dieser Wehrorganisation 1936 war er Obmann. Ab 1921 gehörte er dem Leitungsgremium des Österr. Arbeiterkongresses (ab 1927 Österr. Arbeitsbund) an und fungierte 1924/25 auch als Leitungsmitgl. der Wr. CSP. Den von der Regierung Dollfuß im März 1933 eingeschlagenen diktator. Kurs trug S. loyal mit, übernahm 1934 den Vorsitz in der Verwaltungskomm. der Kammer für Wien und NÖ und wurde im Mai 1934 Präs. des staatl. gelenkten Gewerkschaftsbunds. 1935 wurde S. auch Mitgl. der Sozialen Arbeitsgemeinschaft, einer Initiative der Vaterländ. Front (VF) zur Gewinnung der Arbeiterschaft. Ab Mai 1936 Obmann der Wr. Arbeiterversicherungskasse, wurde S. später auch stellv. Obmann im Hauptverband der Arbeiterkrankenkassen Österr. Im Juli 1936 in den Führerrat der VF berufen, gehörte er 1934–38 dem Bundeswirtschaftsrat und dem Bundestag an. Innerhalb des „austrofaschistischen“ Systems wandte er sich gegen den Abbau sozialer Rechte, womit er öfters in Konflikt mit den Heimwehren und den von diesen protegierten „Unabhängigen Gewerkschaften“ geriet. S.s durchaus glaubwürdiges Engagement gegen den Nationalsozialismus wurde durch geheime Kontakte mit dem dt. Gesandten Franz v. Papen relativiert, die zumindest bis Sommer 1936 bestanden. Nach dem Juliabkommen 1936 setzte er sich verstärkt, aber erfolglos für eine Einbeziehung der illegalen sozialdemokrat. Arbeiterbewegung als Gegengewicht gegen die nationalsozialist. Bedrohung ein. Am 12. März 1938 wurde S. verhaftet, im April 1938 zuerst in das KZ Dachau, im Herbst 1939 in das KZ Flossenbürg verlegt.

L.: WZ, 22., Kurier, 24. 5. 1982; Bourdet; Czeike; NÖB 17, S. 77ff.; Ch. Kluwick-Muckenhuber, J. S., 1969; A. Pelinka, Stand oder Klasse, 1972, s. Reg.; Die christl. Gewerkschaften in Österr., 1975, s. Reg. (m. B.); K. Stubenvoll, Die christl. Arbeiterbewegung Österr. 1918–33, phil. Diss. Wien, 1982; L. Reichhold, Geschichte der christl. Gewerkschaften Österr., 1987, s. Reg.; G. Enderle-Burcel, Christl.-ständ.-autoritär. Mandatare im Ständestaat 1934–38, 1991 (m. B.); Tagbl.Archiv, Materialiensmlg. Österr. Ges. für hist. Quellenstud., beide Wien.
(K. Stubenvoll)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 59, 2007), S. 117f.
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