Stein, Anton Joseph; Ps. Palladius, Philocharis (1759–1844), klass. Philologe und Schriftsteller

Stein Anton Joseph, Ps. Palladius Philocharis, klass. Philologe und Schriftsteller. Geb. Bladen, Preußen (Włodzienen, Polen), 24. 3. 1759; gest. Wien, 4. 10. 1844; röm.-kath. Sohn eines herrschaftl. Kanzleibeamten. S. besuchte ab 1773 das Gymn. in Leobschütz (Głubczyce) und absolv. die phil. Jgg. in Breslau (Wrocław). In der Absicht, nach Rom zu wandern, kam er nach Wien und blieb hier, um seine Kenntnisse der italien. Sprache zu vertiefen. Er stud. auch Französ., Engl., Span. und Altgriech. und lernte Persönlichkeiten des Wr. Geisteslebens wie Carl Anton Frh. v. Martini und Sonnenfels (s. d.) kennen. 1781–84 Hauslehrer der Gfn. Leopold und Joseph Daun, wurde er 1785 Prof. der Poetik am Akadem. Gymn., 1802 am Gymn. zu St. Anna, und lehrte dann 1806 bis zu seiner Pensionierung 1825 (k. Rat) an der Univ. als Prof. der Philol. und klass. Literatur. S. wird. im Urteil seiner Zeitgenossen und Schüler (u. a. Bauernfeld und Grillparzer, beide s. d.) als eine höchst eigenwillige, im Licht der damals herrschenden Anschauungen sogar exzentr. erscheinende Persönlichkeit geschildert. Von großer Gelehrsamkeit, habe er es nicht verstanden, sein Wissen an seine Schüler – zu denen auch Anastasius Grün (s. u. Auersperg Anton Gf.), Friedrich Halm (s. u. Münch v. Bellinghausen Eligius), Deinhardstein (s. u. Deinhard-Deinhardstein), Bauernfeld und J. G. Seidl (beide s. d.) gehörten – weiterzugeben. Die an S. beklagte gelehrte Weitschweifigkeit im Unterricht zeigt sich bes. in seinem in der Tradition des polem. Schrifttums über das Tabakrauchen stehenden, mit z. Tl. seiner Zeit vorauseilenden Argumenten gegen dieses Stellung nehmenden satir. Ged. „Amor capnophilus …“, 1829. Gleichwohl verraten S.s „Oesterreichische und türkische Kriegslieder“, 1788, (zu deren Subskribenten auch Mozart gehörte) dichter. Gewandtheit auch in der dt. Sprache, seine latein. und griech. Ged. über verschiedenste, zumeist zeitbezogene Themen zeigen souveräne Beherrschung der klass. Formen. Mit seiner Dichter des 14.  Jh. bis in seine Gegenwart umfassenden „Anthologia epigrammatum latinorum recentioris aevi“, 1816, hat S. ein für seine Zeit ungewöhnl. Verständnis für den Wert des Neulateins bewiesen.

W. (auch s. u. Goedeke): Dt., latein. und griech. Ged., ed. J. L. Deinhardstein, 1843 (mit biograph. Vorrede); Beitrr. in Almanachen; dt. und latein. Gelegenheitsged. patriot. Inhalts; etc. – Ed: Élite d’´épigrammes et madrigaux des meilleurs Poètes français …, 1810; – Übers. (aus dem Latein.) und Hrsg.: Der Prater, ein beschreibendes Ged. von A. Veith v. Schittlersberg …, 1811.
L.: WZ, 4. 1. 1845; NFP, 5. 11. 1887; Goedeke, s. Reg.Bd.; Portheim-Kat.; Wurzbach; Allg. Theaterztg. 37, 1844, S. 994; H. Rollett, Neue Beitrr. zur Chronik der Stadt Baden bei Wien 7, 1894, S. 80ff., 13, 1900, S. 21f.; A. W. Thayer – H. Deiters, L. van Beethovens Leben 4, ed. H. Riemann, 1907, s. Reg.; F. Grillparzer. Sämtl. Werke, ed. A. Sauer, Abt. 3/1, 1913, S. 377, Abt. 1/16, 1925, s. Reg.; E. Bauernfeld, Aus Alt- und Neu-Wien (= Dt. Hausbücherei 87), 1923, S. 11; P. Clive, Beethoven and his world. A biographical dictionary, 2001; UA, Wien.
(H. Reitterer)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 60, 2008), S. 146
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