Steinach, Eugen (1861–1944), Physiologe und Sexualforscher

Steinach Eugen, Physiologe und Sexualforscher. Geb. Hohenems (Vbg.), 27. 1. 1861; gest. Territet (Montreux, Schweiz), 14. 5. 1944; mos. Enkel von Wilhelm, Sohn von Simon S. (beide s. d.) Nach Absolv. des Gymn. in Feldkirch stud. S. 1879/80 Chemie und Zool. an der Univ. Genf, ab 1880 Med. an den Univ. Wien und Innsbruck; 1886 Dr. med. der Univ. Innsbruck. 1886–88 Ass. am Physiolog. Inst. in Innsbruck, ging S. dann als Ass. nach Prag, wo er sich 1890 für Physiol. an der dt. Univ. habil.; 1895 ao. Prof., 1906 o. Prof. In Prag gründete S. 1903 das erste Laboratorium für allg. und vergleichende Physiol. an einer dt.sprachigen Univ. (bis 1912 Vorstand). 1912 gründete er in Wien die von ihm bis 1932 geleitete Physiolog. Abt. an der Biolog. Versuchsanstalt der Akad. der Wiss., 1919 Prof. für Physiol. an der Univ. Wien; 1932 i. R. S. forschte am anatom. Inst. der Univ. Wien bei Emil Zuckerkandl zur Funktion der Drüsen. 1909 erhielt er den Ignaz-Lieben-Preis für seine Untersuchungen über die Summation von Nervenreizen, 1918 für seine experimentellen Arbeiten über die Pubertätsdrüsen der Säugetiere. Ab 1923 sind ihm in Zusammenarbeit mit dem dt. Pharmaunternehmen Schering-Kahlbaum wesentl. Vorarbeiten für das erste Hormonpräparat Progynon (1928) zu verdanken. Gem. mit anderen Forschern gelang bis 1935 die chem. Strukturanalyse der Sexualhormone als Basis zur Synthese, wodurch 1938 das erste synthet. Hormonpräparat hergestellt werden konnte. S., Dr. h. c. der Univ. Rostock, verf. über 60 Aufsätze und Bücher, 1921–38 wurde er elfmal für den Nobelpreis für Physiol. und Med. vorgeschlagen. Berühmt wurde er durch die S.-Operation, die Vasoligatur, eine nicht unumstrittene Methode, bei der durch Durchtrennung der Samenleiter die körpereigene Produktion von Testosteron angeregt und verjüngende Effekte erzeugt werden sollten. S. gilt als der bekannteste Hormonforscher seiner Zeit, und seine Methoden wurden auch in der Veterinärmed. erfolgreich angewendet. K. Kraus (s. d.) erwähnte ihn mehrmals in der „Fackel“, er zählte zum Bekanntenkreis A. Schnitzlers (s. d.), 1920 schrieb Willy Kaufmann den Foxtrott „S. Rummel“. Sein 1923 im UFA-Filmpalast in Berlin uraufgef. Film stellte S.s endokrinolog. Forschungen einem breiten Publikum vor. S., Ziel antisemit. Angriffe und Karikaturen, beendete nach der Beschlagnahmung seiner Bibl. und seiner Forschungsunterlagen durch die Nationalsozialisten im März 1938 seine wiss. Karriere. 1938 verblieb er nach einer Vortragsreise in der Schweiz, wo er nach dem Selbstmord seiner Frau Antonie im Exil lebte.

W. (auch s. u. Materialiensmlg. ÖBL): Verjüngung durch experimentelle Neubelebung der alternden Pubertätsdrüse, 1920; Sex and Life …, 1940; Beitrr. u. a. in Lancet, Sbb. Wien, math.-nat. Kl., WKW, Pflügers Archiv …, Zentralbl. für Physiol.; etc.
L.: Hdb. der Emigration; Universal Jew. Enc.; P. Schmidt, Theorie und Praxis der S.schen Operation, 1922; Meyers Blitz-Lex., 1932 (m. B.); C. Helbok, Bedeutende Vbg., 1967, S. 63ff. (m. B.); H. Leitner, in: 1000 Jahre Judentum in Österr., ed. K. Lohrmann, 1982, S. 184f.; E. Grabherr, Juden in Hohenems, Hohenems 1996, S. 74, 191, 242 (Kat.); Ch. Sengoopta, in: Isis 89, 1998, S. 445ff.; L. Hlaváčková – P. Svobodný, Biograph. Lex. der dt. med. Fak. in Prag 1883–1945, 1998; W. L. Reiter, in: Österr. Z. für Geschichtswiss. 10, 1999, S. 603ff.; Ch. Sengoopta, in: The New York Acad. of Med. 2, 2000, S. 1ff.; Spektrum der Wiss. Biografie 3, 2000, S. 72 (m. B.); Die wiss. Welt von gestern …, ed. R. W. Soukup (= Beitrr. zur Wiss.geschichte und Wiss.forschung 4) 2004, s. Reg. (m. B.); UA Praha, Tschechien; Magnus-Hirschfeld Archiv für Sexualwiss., Humboldt-Univ. Berlin, Dtld.; UA, Innsbruck, Tirol; Materialiensmlg. ÖBL (m. B. u. W.), UA, WStLA, Materialiensmlg. ÖBL (m. B. u. W.), alle Wien; Mitt. Eva-Maria Hesche, Hohenems, Vbg.
(W. Matt)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 60, 2008), S. 156f.
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