Steinschneider, Hermann; Ps. Erik Jan Hanussen (1889–1933), Varietékünstler und Hellseher

Steinschneider Hermann, Ps. Erik Jan Hanussen, Varietékünstler und Hellseher. Geb. Ottakring, NÖ (Wien), 2. 6. 1889; gest. Berlin, Dt. Reich (Berlin, Dtld.), vermutl. 25. 3. 1933 (ermordet); mos., 1933 evang. AB. Sohn eines Schauspielers und Kaufmanns. S. war im 1. Weltkrieg angebl. Wünschelrutengänger, 1918 hatte er in Wien erste Auftritte als „Telepath“ und war anschließend als Journalist, Schauspieler, Zirkusartist, Zauberkünstler, Mentalmagier und Hypnotiseur tätig. Im Leitmeritzer Hellseherprozeß (1929/30) wegen Betrugs angeklagt, mußte sich S. vor Gericht verantworten, wurde jedoch freigesprochen. Obgleich seine Leistungen stets umstritten blieben, war S. in seiner Selbstvermarktung äußerst erfolgreich. Er verf. neben einer – völlig unzuverlässigen – Autobiographie eine Reihe von Schriften zu okkulten Themen und gab im eigenen Verlag eine mehrfach den Titel wechselnde Ztg. heraus. Sowohl mit Bühnenauftritten während zahlreicher Tourneen als „Hellseher“ wie auch mit Privatkonsultationen machte er als „Superstar des Okkultismus“ ein enormes Vermögen, hatte jedoch mit zahlreichen Prozessen zu kämpfen. Goebbels bezeichnete ihn 1931 als „tschechischen Juden“, mußte aber dementieren. Durch entsprechende Voraussagen in seinen „astropolitischen“ Ztg. unterstützte S. den Aufstieg Hitlers (s. d.), wie er sich überhaupt seit etwa 1930 der aufstrebenden NSDAP angenähert hatte, insbes. der Sturmabt. (SA), deren Berliner Gliederung unter dem SA-Führer Wolf-Heinrich Gf. v. Helldorf(f) er auch finanziell unterstützte und deren Führer er sich auch sonst zu verpflichten wußte. Anfang 1933 als „Hellseher des Dritten Reiches“ auf dem Höhepunkt seiner Karriere, eröffnete er in Berlin seinen „Palast des Okkultismus“. In seiner Ztg. machte er Andeutungen über eine bevorstehende Verzweiflungstat der Kommunist. Partei Dtld. Die in einer seiner Séancen durch ein „hypnotisches Medium“ getroffene „Voraussage“ eines großen brennenden Hauses, offensichtl. des Reichstagsbrandes, besiegelte jedoch sein Schicksal: Er wurde auf Befehl höchster nationalsozialist. Kreise festgenommen und liquidiert. S.s Selbststilisierung einerseits, seine polit. Verstrickungen andererseits führten zu einer fast undurchschaubaren Legendenbildung um seine Person. Sein Leben wurde mehrmals verfilmt.

W. (auch s. u. Kugel): Das Gedankenlesen / Telepathie, 1920; Die Weltseele, 1922; Das Gomboloy, 1927; Meine Lebenslinie, 1930, Neuausg. 1991; Die hellsehende Schallplatte, 1931; etc. – Ed.: Die andere Welt, 1931, später unter dem Titel Das Hanussen-Magazin „Die andere Welt“; Berliner Woche, 1932–33 (mit wechselnden Titeln); etc.
L.: Wininger; E. Juhn, Leben und Taten des Hellsehers Henrik Magnus, 1930 (belletrist.); L. Thoma, Hanussen, 1933; B. Frei, Hanussen, 1934 (m. B.), Neuaufl. Der Hellseher, 1980; J. Toland, A. Hitler, 1977, s. Reg.; G. v. Cziffra, Hanussen, 1978 (m. B.); E. R. Carmin, „Guru“ Hitler, 1985; W. Berthold, Hanussen, 1987; W. Kugel, Hanussen, 1998 (m. B. u. W.); M. Gordon, E. J. Hanussen, 2001 (m. B.); Lex. dt.mähr. Autoren (= Beitrr. zur mähr. dt.sprachigen Literatur 5), 2002; Evang. Landeskirchl. Archiv in Berlin, Berlin, Dtld.; IKG, Wien.
(P. Mulacz)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 60, 2008), S. 198
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