Stibral, Jiři (1859–1939), Architekt und Zeichner

Stibral Jiří, Architekt und Zeichner. Geb. Prag, Böhmen (Praha, Tschechien), 27. 7. 1859; gest. ebd., 8. 10. 1939. Sohn eines Uhrmachers. Nach Absolv. der Realschule stud. S. 1875–81 in Prag am dt. polytechn. Inst. und wirkte dort 1881–83 als Ass. von Josef Zítek; i. d. F. unternahm er, finanziert durch ein Stipendium, eine Stud.reise nach Italien und Westeuropa. Nach Prag zurückgekehrt, arbeitete er kurze Zeit in der Fa. von Quido Bělský als Baumeister und danach als selbständiger Architekt. Noch 1886 wurde S. zum Prof. für Ornamentalzeichnen an der Uměleckoprůmyslová škola in Prag ernannt und übernahm 1891 auch die Leitung der Spezialschule für Textilkunst; 1897–1919 fungierte er als Dir. Nachdem S. 1886 von Gf. Silva-Tarouca (s. d.) mit dem Umbau des Schlosses in Pruhonitz (Průhonice) betraut worden war, etablierte er sich i. d. F. als angesehener Architekt des böhm. Adels, der nach dem damals geltenden Zeitgeist fast die gesamte Skala der hist. Formen beherrschte und u. a. Schlösser der Familien Deym, Nadherny und Ringhoffer modernisierte. Das Gegengewicht zu diesen Aufgaben stellten jene Projekte dar, in denen er sein Interesse für moderne Erfindungen und techn. Neuheiten zur Geltung bringen konnte, z. B. für den Pavillon der Prager Städt. Gasanstalt auf der Landes-Jubiläumsausst. 1891. Seine Großstadtarchitektur war durch große stilist. Freiheit gekennzeichnet, wie z. B. das Amtsgebäude der Ersten Böhm. Rückversicherungsbank (1903–05). S. gilt auch als Gründer des Ind.designs in Böhmen: Ab Mitte der 1880er Jahre entwarf er in Kooperation mit der Ringhofferschen Waggonfabrik eine Reihe von Salonwagen für Herrscherfamilien aus ganz Europa. Diese Zusammenarbeit mit der Ind. setzte S. auch als Dir. der Uměleckoprůmyslová škola fort. Trotz seiner Vielseitigkeit wurde S. nach 1900 von zeitgenöss. Künstlern für seinen Konservativismus kritisiert; Ursache seines unfreiwilligen Abgangs aus der Schule war aber hauptsächl. S.s „österreichische“ polit. Gesinnung.

W.: Schlösser; Kirchen; Familiengrüfte; Villen und Zinshäuser; etc.
L.: Otto; Otto, Erg.Bd.; Thieme–Becker; Toman; A. Mihulka, J. S., 1941; The Dictionary of Art 29, 1996; J. E. Svoboda, Praha 1891–1918, 1997, s. Reg.; L. Losos, in: Umění a řemesla, 1999, Nr. 4, S. 20; M. Němeček, Architekti na Uměleckoprůmyslové škole v Praze, 1885–1918, Diss. Praha, 2002.
(J. Vybiral)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 60, 2008), S. 248
<=  S. 1 =>
<=  S. 1 =>