Stocker, Leopold (1886–1950), Verleger und Politiker

Stocker Leopold, Verleger und Politiker. Geb. Brand (NÖ), 20. 10. 1886; gest. Graz (Stmk.), 25. 12. 1950; evang. Bauernsohn. – Nach Besuch des humanist. Gymn. in Krems an der Donau und der landwirtschaftl. Mittelschule in Kaaden (Kadaň) stud. S. an den landwirtschaftl. Hochschulen von Leipzig und Jena und graduierte als Diplomlandwirt und Agrikulturchemiker. Anschließend war er als Adjunkt auf den böhm. Gütern des Fürsten Lobkowitz, bei den Thomasphosphatwerken in Berlin und später als wiss. Berater in Graz tätig. Vom Militärdienst freigestellt, verbrachte er die Kriegsjahre im Landwirtschaftsinspektorat der Stmk. Landesregierung. 1917 gründete er in Graz die Verlagsbuchhandlung Heimatverlag Leopold S. (ab 1936 Leopold S. Verlag). Neben forst- und landwirtschaftl. Publ. veröff. S. zahlreiche antisemit., antirepublikan. und Anti-Freimaurer-Pamphlete, Postkarten und Werke, die in der Zwischenkriegszeit z. Tl. beschlagnahmt wurden. Zu den antisemit. Hausautoren zählten Karl Paumgartten (alias Karl Huffnagl), Karl Itzinger (s. d.), Friedrich Hergeth (alias Paul Heigl), Anton Steininger und Hugo Scholz. S. war Gründungsmitgl. des antisemit. Dt. Bauernbunds für die Stmk. und 1919–20 dessen Abg. in der Konstituierenden Nationalversmlg. Er setzte sich für den Zusammenschluß der Dt.österr. Bauernpartei mit dem Bund dt.-österr. Bauern ein, woraus 1922 der Landbund für Österr. hervorging. 1924–27 gehörte S. für diesen dem Bundesrat an, in dem er 1926 gegen die Abhaltung des Zionistenkongresses in Wien opponierte. Während der NS-Zeit war er steir. Vertrauensmann für den Dt.österr. Buch-, Kunst- und Musikalienhandel, nach dem Krieg war er 1947 Gründungsmitgl. der Verfassungstreuen Vereinigung und Verleger des „Alpenländischen Heimatrufes“, die beide 1948 wegen neonazist. Tendenzen verboten wurden. 1948 leitete die Grazer Staatsanwaltschaft gegen S. ein Verfahren wegen Verdachts der Illegalität und der Mitwisserschaft an der Neonazibewegung Theodor Souceks ein, das jedoch nach einigen Monaten Untersuchungshaft und Hausarrest 1949 vom Landesgericht Graz eingestellt wurde.

L.: 1917–1967. Leopold S. Verlag, 1967, S. 3ff.; W. Müller-Klingspor, Die Neubegründung des freiheitl.-nationalen Lagers in Österr. von 1945 bis 1949, phil. Diss. Wien, 1972, S. 76ff.; A. Wandruszka, in: Österr. 1918–38, ed. E. Weinzierl – K. Skalnik, 1, 1983, s. Reg.; M. G. Hall, Österr. Verlagsgeschichte 1918–38, 2, 1985, S. 395ff.; W. Schlacher, Die Steir. Buchverlage zwischen 1945 und 1955 …, phil. Diss. Graz, 1985, S. 258; W. Rettel, Antisemitismus in der Stmk. zu Beginn der Ersten Republik, phil. DA Graz, 1987, S. 37ff.; H. Rütgen, Antisemitismus in allen Lagern, phil. Diss. Graz, 1989, S. 187ff.; A. Haas, Die vergessene Bauernpartei, 2000, s. Reg. (m. B.); G. Schober, K. Huffnagl, phil. DA Wien, 2006, S. 65ff.; F. Freund, Die Konstituierende Dt.österr. Nationalversmlg. … 1919–21, o. J., s. Reg. (m. B.).
(P. Neuhold)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 61, 2009), S. 274
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