Stölzle, Rudolf (1843–1898), Industrieller

Stölzle Rudolf, Industrieller. Geb. Joachimsthal (Joachimstal, NÖ), 30. 4. 1843; gest. Venedig (Italien), 31. 3. 1898; röm.-kath. Sohn von Carl Anton S. (s. d.), Bruder von Carl d. Ä. (1830–1872), Ernst (1837–1896) und Wilhelm (1839–1883), Onkel von Carl d. J. (1855–1919) und Ludwig S. (1859–1927). – Nach dem Tod des Vaters, 1865, führte S. die Glasfabrikation vorerst gem. mit seinen beiden Brüdern unter der Firmenbezeichnung C. S.s Söhne weiter: Während Carl S. d. Ä. – und nach ihm sein Sohn Carl S. d. J. – bereits 1850 für die böhm. Hütten und Wilhelm S. von Wien aus für den Vertrieb zuständig waren, übernahm Rudolf die techn. Leitung der Betriebe im nördl. NÖ und entwickelte sich allmähl. zum „primus inter pares“. Wie Carl Anton S. waren auch seine Nachfolger um stetige Verbesserung der Produktionstechnik und -kapazität und Vergrößerung des Betriebs bemüht. 1868 brannte die Glashütte Neunagelberg ab, worauf ein neues Hüttengebäude errichtet wurde, 1871 kamen eine große, bereits fabriksmäßig betriebene Glasraffinerie und 1874 ein Sägewerk dazu. Bes. günstig auf die Entwicklung des Unternehmens wirkte sich der Bau der K. Franz-Josephs-Bahn aus, die einen billigeren Bezug der Rohstoffe und einen rascheren und sichereren Transport der fertigen Glaswaren ermöglichte; bei der Errichtung der Schmalspurbahn Gmünd–Litschau erhielt die Glasfabrik sogar einen eigenen Gleisanschluß. I. d. F. wurden Verkaufsniederlagen in Wien, Prag, Budapest und Berlin eingerichtet, das Holzgeschäft wurde weiter ausgebaut. 1885 wurde in Erdweis (Nová Ves nad Lužnicí) eine dampfbetriebene Ätzerei errichtet, in der Tafelglas mit Spitzenmustern versehen wurde; die Produktion dort lief bis 1909. S., 1891 mit dem Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens ausgez., betätigte sich auch auf gemeinnützigem Gebiet. Er gründete 1872 in Neunagelberg einen Schützenver., der sich allmähl. zu einem Geselligkeitsver. entwickelte, 1873 entstand der Unterstützungs- und Versorgungsver. der Vereinigten Glasfabriken Fa. C. S.’s Söhne. Auch erreichte S., daß die Fabriksschule 1873 vorübergehend, 1885 endgültig das Öffentlichkeitsrecht erhielt, wobei die Schüler allerdings mehrmals in der Woche zu Hilfsdiensten beim Glasofen herangezogen wurden. Nach S.s Tod wurde die Fa. 1899 in eine AG mit Hauptsitz in Wien umgewandelt; der Schwerpunkt des Unternehmens lag im 20. Jh. im steir. Köflach. 1978 wurde die S. Glasind. AG mit der Oberglas Glashütten AG zur S.-Oberglas AG fusioniert.

L.: NFP, 4. 4. 1898 (A.); Großind. Österr. I/2, S. 196; A. Pürgy, in: Das Waldviertel 5, 1932, S. 100; U. Schindl, in: Brand-Nagelberg, ed. F. Haller, (1967), S. 78f.; O. K. M. Zaubek, in: 100 Jahre öff. Volksschule Altnagelberg, 1985, S. 16, 18; A. Gratzl, 150 Jahre S.-Glas, (1985), bes. S. 53ff. (m. B. von S., seinen Brüdern und Neffen); F. Mathis, Big Business in Österr. 1–2, 1987–90, s. Reg.; A. Komlosy, An den Rand gedrängt. Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Oberen Waldviertels, 1988, S. 82f.; Materialiensmlg. ÖBL, Wien; Mitt. Peter Neugschwandtner, St. Martin, NÖ.
(J. Mentschl)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 61, 2009), S. 295f.
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