Stradal, August (1860–1930), Pianist, Komponist, Musiklehrer und -schriftsteller

Stradal August, Pianist, Komponist, Musiklehrer und -schriftsteller. Geb. Teplitz, Böhmen (Teplice, Tschechien), 17. 5. 1860; gest. Schönlinde, Tschechoslowakei (Krásná Lípa, Tschechien), 13. 3. 1930. Sohn des mit Hanslick (s. d.) befreundeten Rechtsanwalts Franz Josef S. und der Marie, geb. Daubleský v. Sterneck, ab 1888 verehel. mit Hildegard S. (s. d.), Onkel von Ada Christen (s. Breden Ch. v.). – S. besuchte das Gymn. in Leitmeritz (Litoměřice) und das Theresianum in Wien und stud. 1878–82 Jus, Phil. und Geschichte an der Univ. Wien, wo er nach eigenen Angaben auch Hörer von Bruckner und Hanslick (beide s. d.) war. Daneben stud. er privat bzw. am KdM (nicht belegt) u. a. bei Leschetitzky (s. d.), Bruckner, Anton Door und Gustav Nottebohm. 1883 wurde er Privatschüler Bruckners, 1884 F. v. Liszts (s. d.) in Weimar, den er als Sekr. („Famulus Stradalus“) auch auf dessen Reisen begleitete. Gem. mit Göllerich (s. d.) veranstaltete S. u. a. private Liszt-Matineen, bei denen auch Werke Bruckners in Klavierbearb. gespielt wurden. Nach Liszts Tod (1886) begann S. eine Virtuosenlaufbahn, wobei er sich bes. für dessen Werke einsetzte. 1893–95 unterrichtete er zudem an den Horakschen Klavierschulen in Wien. Bis 1914 gab S., der u. a. auch in Prien am Chiemsee lebte, europaweit Konzerte. 1919 übersiedelte er als Musikpädagoge nach Schönlinde, 1927 trat er in Prag zum letzten Mal öff. als Pianist auf. Als Komponist machte sich S. v. a. mit seinen zahlreichen an Liszt orientierten Klaviertranskriptionen von Werken Buxtehudes, Bachs, Händels, Mozarts, Beethovens, Wagners, Liszts (12 symphon. Dichtungen, Missa solemnis), Brahms’, Bruckners (u. a. alle Symphonien) etc. einen Namen, der jedoch nach seinem Tod verblaßte. Aufgef. wurden diese techn. meist schwierigen sog. „Klavierpartituren“ u. a. von Alfred Cortot und Emil v. Sauer. S.s Publ. über Bruckner und Liszt sind für die Forschung bedeutend, in der Darstellung des Künstlertums aber auch mit Rücksicht auf den heraufziehenden Nationalsozialismus zu lesen. S. war u. a. Ehrenmitgl. der Dt. Akad. für Musik und darstellende Kunst in Prag, der Edinburgh Bach Society, Ehrenvors. bzw. Ehrenmitgl. der Internationalen Bruckner-Ges. und erhielt 1928 den Staatspreis der tschechoslowak. Republik.

Weitere W. (auch s. u. Stradal): 51 Lieder; Klavierstücke; etc. – Publ. (auch s. R. Grasberger, Bruckner-Bibliographie, 1985): Erinnerungen an F. Liszt, 1929; etc. – Nachlaß: Muz. Rumburk, Tschechien.
L.: NFP, Wr. Neueste Nachrichten, 14. 3. 1930; The Musical Times 71, 1930, S. 463; Hanzalová; MGG, auch s. Reg.; Riemann, 12. Aufl.; H. Stradal, A. S.s Lebensbild, 1934 (m. B. u. W.); A. Göllerich – M. Auer, A. Bruckner 4, 1936–37, s. Reg.; M. Poštolka, in: Hudební rozhledy 14, 1961, S. 973; Th. Antonicek, in: Bruckner-Stud., 1975, S. 443; E. Burger, F. Liszt, 1986, s. Reg. (m. B.); A. Bruckner. Ein Hdb., ed. U. Harten, 1996 (m. B.); Unser Niederland 50, 1998, S. 43; Lex. zur dt. Musikkultur. Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien, 2000 (m. L.); Materialiensmgl. ÖBL, Wien.
(U. Harten)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 61, 2009), S. 339f.
<=  S. 1 =>
<=  S. 1 =>