Stransky, Felix (1871–1950), Bankier und Funktionär

Stransky Felix, Bankier und Funktionär. Geb. Brünn, Mähren (Brno, Tschechien), 26. 5. 1871; gest. Wien, 22. 10. 1950; mos., später evang. AB. Sohn des Brünner Fabrikanten Moritz, Bruder von Si(e)gmund S. (s. u.) und Dr. med. Erwin S. (geb. Wien, 3. 7. 1877; gest. ebd., 26. 1. 1962), der sich als Psychiater aus der Schule Wagner-Jaureggs einen Namen machte; ab 1900 verehel. mit der aus Rußland stammenden Violinvirtuosin Rosa Hochmann, 1908 Trennung der Ehe. – Nach einer Ausbildung im Bankfach war S. zunächst in England, Rumänien und Dtld. tätig. 1898/99 kam er als Prokurist des Bankhauses Wawelberg nach St. Petersburg und nahm Anfang 1901 einen Dir.posten im Schweizer. Bankver. in Zürich an. 1905 Dir.stellv. der Nö. Escompte-Ges. in Wien, avancierte er 1906 zu einem der drei Vorstandsdir. und blieb bis zu seiner Pensionierung 1932 in dieser Position. Infolge der engen Verbindung zwischen Bankwesen und Ind. übte S. zahlreiche leitende Aufsichtsratsfunktionen aus, etwa als Präs. der Österr. Josef Inwald AG Wien, der Glasfabriken und Raffinerien Josef Inwald AG Prag, als Vizepräs. der Ersten Österr. Glanzstoff-Fabriks AG St. Pölten, der Zentral Gas- und Elektrizitäts AG Budapest und der Österr. Brown Boveri-Werke AG, und war in mehr als 40 weiteren Unternehmen als Aufsichtsrat tätig. Seine hervorragende Stellung im österr. Bank- und Wirtschaftswesen vor 1938 spiegelt sich auch in seinen Funktionen als Erster Vizepräs. der Wr. Börsekammer, Vizepräs. des Verbands österr. Banken und Bankiers und der Wr. Messe sowie Präs. des Ver. der Wr. Handels-Akad. wider. Neben seiner berufl. Tätigkeit verfolgte S. zahlreiche gesellschaftl. und künstler. Interessen, u. a. als Vizepräs. des Kuratoriums der Allg. Poliklinik in Wien. Am bedeutendsten war sein Engagement für die Wr. Konzerthausges., in deren Direktorium er 1914 berufen wurde: ab 1915 Finanzreferent, ab 1919 Vizepräs. und ab 1937 erstes Ehrenmitgl. der Wr. Konzerthausges. S. unterhielt ferner eine umfangreiche Kunstsmlg., die fast gänzl. österr. Malerei des 19. Jh. umfaßte. Unter der NS-Herrschaft wurde S. im Mai 1943 nach Theresienstadt (Terezín) deportiert, wo er dem Aufsichtsrat der „Bank der Jüdischen Selbstverwaltung“ angehörte, einer jener Einrichtungen, mit denen die Nazis nach außen hin Normalität vorzutäuschen versuchten. Trotz seines hohen Alters und einer vorangegangenen Beinamputation überlebte S. das KZ und kehrte Anfang Juli 1945 nach Wien zurück, wo er als Vizepräs. und Finanzreferent der Wr. Konzerthausges. tätig war, schied jedoch Anfang Dezember 1948 v. a. aus gesundheitl. Gründen aus. Er wurde u. a. 1908 mit dem Orden der Eisernen Krone III. Kl. ausgez. und war Off. der französ. Ehrenlegion. Sein Bruder Si(e)gmund S. (geb. Brünn, 28. 9. 1864; gest. vermutl. Wien, 21. 11. 1938; mos., später evang. AB, zuletzt röm.-kath.) stud. 1882–86 Naturwiss. an der Univ. Wien, u. a. bei Barth zu Barthenau, A. Lieben (beide s. d.) und Gustav Tschermak-Seysenegg, erhielt aber auch eine musikal. Ausbildung, u. a. in Kompositionslehre und Klavier, und stud. jeweils ein Semester bei Bruckner und Hanslick (beide s. d.); 1886 Dr. phil. Danach war er als langjähriger techn. Dir. bei der Fanto Petroleum AG tätig, später Gen.dir. der AG für Mineralöl-Ind. Er galt als hervorragender Fachmann für Errichtung und Betrieb von Petroleumraffinerien, daneben befaßte er sich mit Atomphysik sowie mit dem giftigen Alkaloidgemisch Veratrin, das als Insektizid Anwendung findet. Als Dion.mitgl. der Ges. der Musikfreunde und Vorstand von dessen Orchesterver. trat Si(e)gmund S. bei dessen Konzerten wiederholt mit glänzenden pianist. Leistungen hervor. Seine von Otto Wagner erbaute Villa in Bad Vöslau war Treffpunkt zahlreicher Künstler.

W.: Si(e)gmund S.: Über Zahlenrelationen des Atomgewichtes, in: Sbb. Wien, math.-nat. Kl. 97, 1888, Abt. 2b; Über Veratrin, ebd. 99, 1890, Abt. 2b; Die rumän. Erdölind., 1918; Die Struktur der Atomkerne, 1932; etc.
L.: Jb. der Wr. Ges.; C. E. Mollik-Stransky, in: „Es war eine Welt der Geborgenheit“…, ed. A. Schnöller – H. Stekl, 2. ergänzte Aufl. 1999, S. 77ff.; E. Barta, Das Wr. Konzerthaus zwischen 1945 und 1961, 2001, S. 19, 22, 44f., 183; Archiv der Wr. Konzerthausges., Materialiensmlg. ÖBL, beide Wien. – Si(e)gmund S.: Hdb. jüd. AutorInnen; Heller 5; Jb. der Wr. Ges.; Wer ist’s?, 1935; C. Lafite, Geschichte der Ges. der Musikfreunde in Wien 1912–37, 1937, passim (m. B.); Th. Antonicek, in: Bruckner-Stud., ed. O. Wessely, 1975, S. 461, 482; S. Pisarik, in: Gäste – Grosse Welt in Bad Vöslau, ed. O. Rychlik, 1994, S. 403; Heimatmus. Bad Vöslau, NÖ; IKG, MA 43, UA, alle Wien.
(D. Angetter – E. Barta)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 61, 2009), S. 357f.
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