Straschiripka (Strašiřipka), Johann Bapt.; Künstlername Hans Canon (1829–1885), Maler

Straschiripka (Strašiřipka) Johann Bapt., Künstlername Hans Canon, Maler. Geb. Wien, 15. 3. 1829; gest. ebd., 12. 9. 1885; röm.-kath., ab 1882 evang. HB. Nannte sich seit den frühen 1850er Jahren häufig S.-Canon oder Canon, ab den 1870er Jahren ausschließl. Canon. Mütterlicherseits Nachkomme von Martino und Bartolomeo Altomonte, Sohn von Johann Bapt. Anton S. (geb. Dablitz, Böhmen / Praha, Tschechien, 13. 6. 1794; gest. Währing, NÖ/Wien, 17. 2. 1851; röm.-kath.), Landvermesser in Prag, der um 1820 nach Wien übersiedelte und hier als Wirtschaftspublizist bzw. gerichtl. Sequester und Administrator arbeitete, Neffe von Gen. Hauslab, Schwager von V. Stauffer (beide s. d.), Vater des Malers und Leiters des Iglauer Stadtmus. Hans S.-Canon (geb. Wien, 17. 4. 1883; gest. Esslingen am Neckar, Dtld., 13. 10. 1960). – Nach Besuch des Piaristengymn. in Krems an der Donau inskribierte S. 1843–45 am Wr. polytechn. Inst. und 1845–46 kurzzeitig an der Wr. ABK, 1847 war er vermutl. einige Monate Privatschüler Waldmüllers. Zusätzl. widmete er sich zahlreichen Privatstud. auf verschiedenen Gebieten sowie diversen Sportarten und wurde als Bohemien und „Kraftmensch“ bekannt, wobei diese Beschreibungen z. Tl. legendenhaft ausgeschmückt wurden. 1848 kämpfte S. als Mitgl. der Akadem. Legion und trat 1849 durch Vermittlung seines Onkels in das Kürassierrgt. 7 ein, quittierte jedoch 1850 den Dienst. S., der sich autodidakt. weiterbildete, schuf ab 1847 erste Arbeiten, anfangs malte er fast ausschließl. Porträts, daneben wirkte er einige Zeit als Retuscheur sowie möglicherweise auch als Dekorationsmaler, trat in Beziehung zum Künstlerkreis um K. Rahl (s. d.) und schuf sich allmähl. einen Namen als Porträtist. 1861 entstand eine Ser. polit. Karikaturen, die daraus resultierenden Schwierigkeiten mit der Zensur wurden zwar später stark übertrieben, führten aber dennoch 1862 zu S.s Umzug nach Karlsruhe, wo er in der dortigen Kunstschule ein Privatatelier unterhielt und zahlreiche Schüler anzog. Dies führte zu verschärften Rivalitäten mit der Karlsruher Professorenschaft und bewog S. 1869 zur Übersiedlung nach Stuttgart. Längst beschränkte sich S.s Tätigkeit nicht mehr allein auf Bildnisse – Genrethemen und Illustrationen entwickelten sich zu weiteren Schwerpunkten. 1870 reiste er über Spanien nach Algerien, 1871 nach Rom. 1872 hielt er sich wieder in Wien auf, wo er sein Bild „Die Loge Johannis“ begann, mit dem er 1873 auf der Wr. Weltausst. großen Erfolg erzielte. 1873/74 kehrte er in seine Heimatstadt zurück; zunehmend ergänzten jetzt die früher nur vereinzelt entstandenen Wand- und Deckenbilder sein Œuvre. Rasch entwickelte sich S. neben Makart (s. d.) zu einem der führenden Maler Wiens; 1877 bereiste er Skandinavien, im selben Jahr richtete ihm Fürst Johann II. v. u. z. Liechtenstein (s. d.) ein neues Atelier ein. Auch zum K.haus unterhielt S. enge Kontakte: So schuf er 1879 für Kronprinz Rudolf (s. d.) – dem er sich infolge der gem. Jagdleidenschaft und weltanschaul. Berührungspunkte verbunden fühlte – ein Altartriptychon zur Silberhochzeit des K.paars. 1882 unternahm er auf Veranlassung des Fürsten eine Italienreise und erhielt zu dieser Zeit auch den Auftrag zur maler. Ausstattung des Treppenhauses im Naturhist. Hofmus. 1885 vollendete er den „Kreislauf des Lebens“ für dieses Mus. und wurde nach dem Tod Makarts mit der Ausstattung des Treppenhauses im Kunsthist. Hofmus. betraut, die aber infolge seines unerwarteten Todes nicht über einige Skizzen hinauskam. Obwohl ein bedeutender Porträtist, war S. auch nach eigenem Verständnis durchaus kein Vertreter eines vordergründigen Realismus. Auf der maler. Grundlage des 16. und 17. Jh. aufbauend – namentl. Tizian und Rubens prägten sein Farbverständnis –, suchte er meist nicht die kleine Form, sondern schuf eine kraftvoll-monumentale, häufig durch lebhaften Kolorismus bestimmte Figurenmalerei, die der Rahl-Schule nahestand, sich aber durch stärkere Dynamik und einen Hang zur Skizzenhaftigkeit auszeichnete und wesentl. dazu beitrug, die Lücke, die Rahls Tod in der Wr. Malerei hinterlassen hatte, zu schließen. Über die bloße Form hinaus suchte S., anders als Makart, auch phil. und liberale Inhalte im Bild zu fassen und strebte gesamtkunstwerkhafte Wirkungen in umfassenderem Sinn an. Seine vielseitigen Interessen und Fähigkeiten begünstigten die Verbindung zum Hochadel sowie zur Wr. Ges. und sicherten ihm im Kunstleben der K.stadt eine namhafte Position, die u. a. in verschiedenen offiziellen Ehrenämtern zum Ausdruck kam. Ab 1861 (mit Unterbrechungen) Mitgl., 1882–84 stellv. Vorstand der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus), 1873 Ritter des Franz Joseph-Ordens, 1883 Prof. an der Wr. ABK und Ritter der französ. Ehrenlegion.

Weitere W.: s. u. Drewes.
L. (meist s. u. Canon): NFP, 13.-16. 9. 1885; ADB; Die Wr. Ringstraße 10, s. Reg.; Thieme–Becker; Wurzbach; H. Schöny, Wr. Künstler-Ahnen 2, 1975, S. 173ff.; R. Schmidt, Österr. Künstlerlex., 1980; F. J. Drewes, H. Canon …, 2 Bde., 1994 (m. W., L. u. B.); P. Peer, Zum Einfluss der barocken Malerei im Werk von H. Canon, geisteswiss. DA Graz, 1997; Saur. Allg. Künstler-Lex. 16, 1997; R. Vaget, Die dekorative Ausstattung des Stiegenhauses des Naturhist. Mus. in Wien, geisteswiss. DA Wien, 2002, S. 38ff.; Geschichte der bildenden Kunst in Österr. 5, ed. G. Frodl, 2002, s. Reg.; S. Jovanović-Kruspel, Das Naturhist. Mus. Wien 1–2, phil. Diss. Wien, 2007, S. 192ff., 349; ABK, TU, beide Wien.
(W. Krause)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 61, 2009), S. 359f.
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