Strattmann, Paul (1755–1821), Bibliothekar und Geistlicher

Strattmann Paul, Bibliothekar und Geistlicher. Geb. Wien, 30. 12. 1755 (Taufdatum); gest. Melk (NÖ), 19. 6. 1821; röm.-kath. Sohn des Malers Franz Xav. S. (1718–1793), eines Schülers und Mitarbeiters von Paul Troger, der auch S.s Taufpate war, Bruder von P. Benedikt (Franz) S. (s. u.). – S. besuchte ab 1765 das Akadem. Gymn. in Wien und trat 1771 als Novize in das Probationshaus der Jesuiten ein, wo er mit Alois Blumauer enge Freundschaft schloß. Nach der Aufhebung des Ordens 1773 stud. S. Phil. und Theol. an der Univ. Wien; 1780 Priesterweihe. Von Gottfried van Swieten, dem Präfekten der Wr. Hofbibl., gem. mit anderen jungen Leuten aus dem Kreis der aufklärer. Intelligenz 1780 zu Neukatalogisierungen herangezogen, trat S. im selben Jahr in die Hofbibl. ein, an der er 1782 zum Dritten, 1791 zum Zweiten und 1804 zum Ersten Skriptor vorrückte. 1783 erwarb er über Veranlassung van Swietens gem. mit A. Bartsch (s. d.) in Paris 600 Inkunabeln sowie eine große Anzahl von Kupferstichen. S. war Mitgl. der von van Swieten geleiteten Stud.-Hofkomm. (ab 1782 Zensur- und Stud.-Hofkomm.) und erstellte einen Entwurf über die Organisation von Bibl. an Lehranstalten. S., zu dieser Zeit der wiss. Blüte der Hofbibl. einer ihrer profiliertesten Beamten, beherrschte neben den klass. auch die wichtigsten europ. Büchersprachen, galt als der Frankreich-Experte des Hauses und erwarb sich große Verdienste um die Ordnung und Vermehrung der ihm unterstellten Inkunabelnsmlg. Sein 1807 ausgearbeitetes Gutachten über die Finanzierung der Hofbibl. sollte lange Zeit als Grundlage für deren Dotierung dienen. 1786–92 war er außerdem Ober-Dir. der Wr. Univ.bibl. S. nahm bei den Diskussionen der sog. „Wiener Jakobiner“ eine prominente Stelle ein, wobei er als Opponent Blumauers das Gedankengut der Französ. Revolution vertrat. Dies führte zu seiner Verwicklung in die „wegen Landesverrats“ vorgenommenen Untersuchungen im Zusammenhang mit den – z. Tl. mit drakon. Strafen endenden – Wr. Jakobinerprozessen von 1794–95. Er konnte sich zwar durch geschickte Argumentation einer Anklage entziehen und seine Laufbahn an der Hofbibl. fortsetzen, galt aber nunmehr trotzdem als verdächtig und wurde 1808 ohne die bei solchen Anlässen übl. Gnadenerweisungen seines Amts enthoben. Nach einer mißlungenen Bewerbung um die rangniedrigste Skriptorenstelle an der Hofbibl., bei der ihm Kopitar (s. d.) vorgezogen wurde, nahm S. die Stelle eines Bibliothekars bei Fürst A. Razumovsky (s. d.) an. Von 1816 bis zu seinem Tod lebte er als Gast im Benediktinerstift Melk, für dessen Konviktszöglinge er zwei Sprachlehrbücher verf. Sein Bruder, P. Benedikt (Franz) S., OSB (geb. Wien, 12. 4. 1760; gest. ebd., 3. 2. 1835; röm.-kath.), trat 1778 in das Stift Melk ein und legte 1784 die Profeß ab; 1785 Priesterweihe. Er fungierte als Bibliothekar und Kapitelsekr. des Stifts und schließl. als Amtsverwalter des Melkerhofs (Wien 1).

W.: Hdb. der französ. Sprache nach ihren Redetheilen …, 1817; Hdb. der italien. Sprache …, 2 Bde. (= 3 Tle.), 1818–19.
L.: Geschichte der Österr. Nationalbibl., ed. J. Stummvoll, 1, 1968, s. Reg.; E. Rosenstrauch-Königsberg, Freimaurerei im josephin. Wien, 1975, s. Reg.; Jakobiner in Mitteleuropa, ed. H. Reinalter, 1977, s. Reg.; W. Pongratz, Geschichte der Univ.bibl. Wien, 1977, s. Reg.; H. Reinalter, Aufgeklärter Absolutismus und Revolution, 1980, s. Reg.; J. Weichinger, in: biblos 38, 1989, S. 233ff.; E.-M. Hüttl-Hubert, in: Österr. Osthe. 36, 1994, S. 533f., 536f.; Diözesanarchiv, St. Pölten, NÖ; UA, Wien; Mitt. Martina Lehner, Wien. – Benedikt (Franz) S.: I. F. Keiblinger, Geschichte des Benedictiner-Stiftes Melk in NÖ ... 1, 1867, S. 1083f., 2, 1869, S. 416f.; Cat. Religiosorum Ordinis S. P. Benedicti in monasterio Mellicensi viventium et ab anno MDCCC defunctorum, 1885, S. 60; Stiftsarchiv Melk, NÖ.
(E.-M. Hüttl-Hubert – H. Reitterer)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 62, 2010), S. 370
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