Strauß (Strauss), Eduard (1835–1916), Komponist und Kapellmeister

Strauß (Strauss) Eduard, Komponist und Kapellmeister. Geb. Leopoldstadt, NÖ (Wien), 15. 3. 1835; gest. Wien, 28. 12. 1916; röm.-kath. Sohn von Johann S. (Vater), Bruder von Josef und Johann S. (Sohn), Schwager von Henriette (Jetty) S., Vater von Johann S. (Enkel) (alle s. d.), ab 1863 verehel. mit der Kaffeesieders- und Hausbesitzerstochter Marie (Maria Magdalena) Klenkhart (1840–1921). – Nach Besuch des Akadem. Gymn. in Wien wollte S. ursprüngl. die Diplomatenlaufbahn einschlagen, wandte sich jedoch auf Anraten mehrerer Familienmitgl. der Musik zu. Er stud. Theorie bei G. v. Preyer (s. d.), Harfe bei Anton Zamara sowie Violine und Klavier bei Franz Amon, dem Konzertmeister der S.-Kapelle. In dieser debüt. S. 1855 als Harfenist und 1861 als Dirigent, zu regelmäßigen Einsätzen als Orchesterleiter kam es ab 1862. Im selben Jahr trat er auch erstmals als Komponist hervor. 1865 sprang S. für seinen Bruder Johann zeitweilig bei dessen Engagement in Pawlowsk (Sankt-Peterburg) ein. Nach dem Rückzug Johanns Ende der 1860er Jahre übernahm S. zunächst gem. mit Josef, nach dessen Tod 1870 allein die Leitung der S.-Kapelle. Nach der im selben Jahr erfolgten Fertigstellung des neuen Gebäudes der Ges. der Musikfreunde in Wien gab S. dort regelmäßig Konzerte. Mit der Übernahme der Tanzmusikproduktionen am K.hof wurde ihm 1872 der Titel Hofballmusik-Dir. verliehen. Die starke Konkurrenz durch die Militärkapellen veranlaßte S. zu ausgedehnten Konzertreisen. Anläßl. der ersten Tournee, die ihn 1878 nach Dtld. und Schweden führte, löste er die S.-Kapelle auf, nachdem ihm deren Mitgl. die Gefolgschaft verweigert hatten, scheint nach der Rückkehr jedoch einen Großteil der Musiker, die vorübergehend in Carl Michael Ziehrer einen neuen Dirigenten gefunden hatten, wieder unter Vertrag genommen zu haben. Während der Sommersaison unternahm S. mit seinem Orchester fortan regelmäßig Dtld.-Tourneen. Von den übrigen Konzertreisen sind jene nach London (1885, 1895, 1897), St. Petersburg (1894), in die Niederlande (1898, 1899, 1900) und die USA (1890 und 1900/01) hervorzuheben. Im Zuge eines Gehaltsstreits zwischen Hofopernorchester und Operndion. dirigierte S. in der Wintersaison 1884/85 seine Kapelle bei den Ballettmatineen in der Hofoper. Als er 1897 erfuhr, daß seine Söhne unter Mithilfe seiner Frau sein Vermögen und das einiger Verwandter heiml. verschwendet und beträchtl. Schulden angehäuft hatten, veranlaßte er, daß seine Frau unter Kuratel gestellt wurde, und trennte sich von seiner Familie. 1901 legte er schließl. die Leitung der Hofballmusik zurück und löste die S.-Kapelle auf, deren Notenarchiv er 1907 verbrennen ließ. Aus seinen 1906 veröff. „Erinnerungen“ spricht die Verbitterung eines schwer gekränkten Menschen. Als Komponist steht S. hinter seinen Brüdern zurück, obwohl sich einzelne seiner Schnellpolkas ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Dagegen war er ein erstklassiger Dirigent, der nicht nur die Musik seiner Familie adäquat zu interpretieren wußte. Ein bemerkenswertes organisator. Geschick befähigte ihn zudem, in weiten Teilen der Welt – laut eigener Aussage in 840 Städten – für die Verbreitung der S.-Musik persönl. einzutreten. Vielfach ausgez., war S. u. a. Ritter des Franz Joseph-Ordens (1887).

W. (auch s. u. Weinmann; Schönherr): rund 300 Tänze und Märsche für Orchester, u. a.: Bahn frei!, 1869, Stempelfrei!, 1870, Mit Dampf, 1871, Doctrinen, 1872, Carmen-Quadrille nach Motiven der gleichnamigen Oper G. Bizets, 1876, Pfeilschnell, 1879, Ohne Bremse, 1885, Mit Extrapost, 1887, etc.; rund 300 Arrangements fremder Werke für Orchester (verschollen).
L.: Grove, 2001 (m. B.); MGG, 2. Ausg., Personentl. 16, 2006; oeml; Renner, Nachlässe; Riemann, 12. Aufl.; Wurzbach; E. W. Engel, Johann S. und seine Zeit, 1911, passim (m. B.); H. Jäger-Sunstenau, Johann S. …, 1965, s. Reg.; A. Weinmann, Verzeichnis sämtl. Werke von Josef und E. S., 1967; M. Hürlimann, Die Walzer-Dynastie S. …, 1976, passim (m. B.); M. Schönherr, Lanner, Strauß, Ziehrer. Synopt. Hdb. der Tänze und Märsche, 1982; F. Mailer, Johann S. (Sohn). Leben und Werk in Briefen und Dokumenten 1–10, 1983–2007, s. Reg.; N. Linke, Musik erobert die Welt …, 1987, passim (m. B.); E. Würzl, in: Stud. zur Wr. Geschichte 46, 1990, S. 181ff.; P. Kemp, Die Familie S. …, 2. Aufl. 1991, s. Reg. (m. B.); E. S. …, Testament …, 2000 (m. B.); Th. Aigner, in: Wien und St. Petersburg um die Jh.wende(n) …, ed. A. W. Belobratow, 2001, S. 349ff.; L. Johannisson, in: „Neues Leben“. Mitt.bl. der Dt. Johann S. Ges. e. V. 32, 2005, S. 41ff. (m. B.); D. Chamberlin, in: Vienna Music. Journal of the Johann S. Society of Great Britain 91, 2006, S. 16ff. (m. B.), 92, 2006, S. 13ff. (m. B.).
(Th. Aigner)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 62, 2010), S. 374f.
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