Stricker, Robert (1879–1944), Journalist, Zionist und Bahnbeamter

Stricker Robert, Journalist, Zionist und Bahnbeamter. Geb. Brünn, Mähren (Brno, Tschechien), 16. 8. 1879; gest. KZ Auschwitz, Dt. Reich (Polen), Oktober 1944 (ermordet); mos. Aus bürgerl. Elternhaus stammend. – S. absolv. die Oberrealschule und die Maschinenbauschule in Brünn, 1902 Ing. Im selben Jahr wurde er Beamter der Staatsbahnen in Olmütz (Olomouc), ab 1905 war er in der Dion. der K. Ferdinands-Nordbahn in Wien und danach beim Zentral-Wagendirigierungsamt der österr. Staatsbahnen, zuletzt als Oberbahnrat, tätig. 1907 Vors. des Zionist. Zentralver., gehörte er 1915 zu den Mitbegründern des Jüd. Kriegsarchivs und gab die Z. „Jüdisches Archiv“ heraus. 1912–27 und 1932–38 Mitgl. des Kultusvorstands, fungierte er ab 1936 als Vizepräs. der IKG Wien. S. war 1918–20 Präsidiumsmitgl. des jüd. Nationalrats für Dt.-Österr. sowie 1919–20 Abg. der jüd.nationalen Partei in der Konstituierenden Nationalversmlg. Auf dem 12. Zionistenkongreß 1921 in Karlsbad (Karlovy Vary) wurde er zum Vizepräs. des Großen Zionist. Aktionskomitees gewählt, legte dieses Amt jedoch Ende 1924 aus Protest gegen die Erweiterung der Jewish Agency durch nichtzionist. Mitgl. und gegen Chaim Weizmanns Befürwortung eines binationalen Staats nieder. 1919–25 war er mit einer Unterbrechung Präs. des zionist. Landeskomitees Österr., trat 1925 der radikalen zionist. Partei bei, verließ diese jedoch 1926 wieder und schloß sich den zionist. Revisionisten unter Vladimir Jabotinsky an. Im Dezember 1927 erfolgte sein Austritt aus dem Kultusvorstand und dem Zionist. Landeskomitee und die Gründung des Verbands demokrat. Zionisten durch S. und Plaschkes (s. d.). Als Jabotinsky 1933 die Zionist. Weltorganisation verließ und wenig später die Neue Zionist. Organisation formte, gründete S. mit Meir Grossman und Richard Lichtheim die Judenstaatspartei, deren österr. Landesorganisation er in den folgenden Jahren aufbaute. 1936 war S. auch Mitbegründer des World Jewish Congress, bis 1937 Leiter von dessen österr. Sektion. Als Publizist red. S. 1901–02 gem. mit Berthold Feiwel die Brünner „Jüdische Volksstimme“, 1907–20 war er Red.mitgl. der „Jüdischen Zeitung“, 1919–25 Hrsg. der zionist. „Wiener Morgenzeitung“, 1927–38 der Ztg. „Die Neue Welt“. Ab den 1920er Jahren fungierte S. als geschäftsführender Dir. der Druckerei Steinmann. 1929 erschienen seine gesammelten Aufsätze und Reden unter dem Titel „Wege der jüdischen Politik“. S., der nach dem „Anschluß“ 1938 das Angebot, nach Budapest zu flüchten, abgelehnt hatte, wurde kurz darauf verhaftet, mit dem „Prominententransport“ nach Dachau und später nach Buchenwald deportiert. Im Februar 1939 kam er nach Wien zurück. Im September 1942 wurde er in das Ghetto Theresienstadt gebracht, wo er dem Ältestenrat angehörte, und von dort 1944 nach Auschwitz, wo er gem. mit seiner Frau Paula S., geb. Kohn, ermordet wurde.

L.: Hdb. jüd. AutorInnen; Wininger; F. Freund, Die Konstituierende Dt.österr. Nationalversmlg., (1919), s. Reg. (m. B.); R. S., ed. J. Fraenkel, 1950; A. Gaisbauer, Davidstern und Doppeladler, 1988, s. Reg.; H. P. Freidenreich, Jewish Politics in Vienna 1918–38, 1991, s. Reg.; E. Makarova u. a., Univ. Over The Abyss, 2000, S. 453; D. J. Mühl, in: Aschkenas 11/1, 2001, S. 121ff.; IKG, Wien.
(E. Adunka)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 62, 2010), S. 400f.
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