Strossmayer, Josip Juraj (Josef Georg) (1815–1905), Bischof und Politiker

Strossmayer Josip Juraj (Josef Georg), Bischof und Politiker. Geb. Esseg (Osijek, Kroatien), 4. 2. 1815; gest. Djakovo (Đakovo, Kroatien), 8. 4. 1905; röm.-kath. Sohn eines Militärbeamten und Pferdehändlers, der Urgroßvater Paul S. stammte aus OÖ. – Nach Absolv. des Gymn. bei den Franziskanern in seiner Geburtsstadt stud. S. Theol. und Phil. am Bischöfl. Priesterseminar in Djakovo und an der Theol. Fak. in Pest (Budapest); 1835 Dr. phil., 1838 Priesterweihe und anschließend Kaplan in Peterwardein (Petrovaradin), 1840 setzte er seine theol. Stud. am Augustineum (Frintaneum) in Wien fort; 1842 Dr. theol. S. war anschließend Lehrer am Priesterseminar in Djakovo und 1847–49 Hofkaplan sowie einer von drei Rektoren des Augustineums in Wien. 1849 wurde er zum Bischof von Bosnien und Syrmien mit Sitz in Djakovo ernannt, 1851–97 apostol. Administrator für die Katholiken in Serbien. 1860 Mitgl. des Verstärkten RR, wo er als Vertreter der föderalist. Rechten eine Umgestaltung der Habsburgermonarchie in diesem Sinne forderte, ebenso wie die Vereinigung Dalmatiens mit Kroatien. 1861 und 1865–66 war S. Mitgl. des kroat. LT (Sabor). Als Gegner des Ausgleichs mit Ungarn 1867 und des ung.-kroat. Ausgleichs von 1868 geriet er in Gegensatz zu K. Franz Joseph (s. d.). Der Dualismus schien für S. die Mission der Monarchie, ein Reich gleichberechtiger Völker zu werden, zu gefährden. In einer föderalist. organisierten Habsburgermonarchie sah er auch die polit. Zukunft der Südslawen, deren religiöse Spaltung in Katholiken und Orthodoxe er überwinden wollte. Einen Ansatz dazu bot ihm die altslaw. Liturgie (in glagolith. Schrift) einiger Inseln des Quarnero (Kvarner). Das polit. Zentrum dieser Konstellation sollte in Agram sein. Diese gesamt-südslaw. Tendenz äußert sich auch in seiner massiven Förderung der Gründung der Jugoslaw. Akad. der Wiss. und Künste (Jugoslavenska akad. znanosti i umjetnosti) in Agram 1866, bei deren Eröffnung 1867 er die erste Ansprache hielt. Seine Rolle als Mäzen der Wiss. und Künste – insgesamt gab er dafür etwa 2,5 Mio. fl aus – wurde durch die finanzielle Ertragskraft seines Bistums ermöglicht, ebenso wie der Bau einer neuen Kathedrale durch Roesner und Friedrich Frh. v. Schmidt (beide s. d.), in dem typ. byzantin. Baugedanken Eingang fanden. S.s kirchenpolit. Ziele brachten ihn in Widerspruch zu Papst Pius IX. Auf dem 1. Vatikan. Konzil trat er in blendendem Latein gegen Vorschläge zur Verankerung der päpstl. Infallibilität und gegen die massive Verurteilung der Reformation auf. S. publ. als einer der letzten Bischöfe erst 1873 die Konzilsbeschlüsse in seiner Diözese. Die antimodernist. Grundströmung in der kath. Kirche teilte er nicht, er war im Gegenteil wiss. breit interessiert und Mitgl. zahlreicher gelehrter Ges. 1873 zog er sich aus dem aktiven polit. Leben zurück, geriet aber 1885 abermals in Gegensatz zu Franz Joseph, als er zur 1.000–Jahrfeier der Christianisierung der Russen ein Glückwunschtelegramm nach Moskau sandte (das empfand Franz Joseph gerade in dieser Zeit einer außenpolit. Krise zwischen der Monarchie und Russland als Affront). Freundschaftl. Beziehungen unterhielt S. u. a. zu dem Befürworter der Kirchenunion in Rußland Vladimir Sergeevič Solov’ev sowie zu Papst Leo XIII. Nachdem dieser im September 1880 die Enzyklika „Grande munus“ zu Ehren der Slawenapostel Cyrill und Method veröff. hatte, führte S. eine Dankdeputation nach Rom an.

W.: s. u. Bautz. – Nachlaß: Hrvatska akad. znanosti i umjetnosti, Zagreb, Kroatien.
L.: NFP, 3. 2., 9. 4., 23. 5. 1905; Die Furche, 25. 8. 2005; Bautz (m. W. u. L.); Biograph. Lex. Südosteuropas (m. L.); Enc. Jug. (m. L.); Enc. Slovenska; Habsburgermonarchie 4, 1985, bes. S. 351ff.; LThK; NÖB 9, S. 73ff. (m. B.); Wurzbach; J. G. S. Beitrr. zur konfessionellen Situation Österr.-Ungarns im ausgehenden 19. Jh., ed. A. Zollitsch, 1962, passim; J. J. S. – F. Rački. Politićki spisi, ed. V. Košćak, 1971; I. Sivrić, Bishop J. G. S., 1975; J. Borošak-Marijanović – E. Srzić, J. J. S. ..., Zagreb 1980 (Kat.); Zbornik radova o J. J. S., ed. I. Padovan u. a., 1997 (m. L.); W. Brooks Tomljanovich, Bishop J. J. S. Nationalism and Modern Catholicism in Croatia, 1998; Korespondencija J. J. S. – S. Vanutelli, 1881–87, ed. J. Balabanić – J. Kolanović, 1999; N. Ikić, J. J. S. i crkveno, kulturno i nacionalno jedinstvo, 2002 (m. B.); Historiography in the service of politics, ed. V. Ð. Krestić, 2004 (m. B.); Međunarodi Znanstveni Skup J. J. S., ed. F. Šanjek, 2005; S. e il dialogo ecumenico, ed. A. Naumow – M. Scarpa, 2006; P. Żurek, Polska i Polacy w życiu J. J. S., 2006; Das „Frintaneum“ in Wien ..., ed. K. H. Frankl – P. G. Tropper, 2006, s. Reg.; J. J. S., red. M. Dąbrowska-Partyka – M. Czerwiński, 2007; Storia religiosa di Croazia e Slovenia, ed. L. Vaccaro, 2008, S. 381ff.; HHStA, Materialiensmlg. ÖBL, WStLA, alle Wien.
(J. Balabanić – E. Bruckmüller)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 62, 2010), S. 425
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