Stülz, Jodok (1799–1872), Geistlicher, Historiker und Politiker

Stülz Jodok, CanReg., Geistlicher, Historiker und Politiker. Geb. Bezau (Vbg.), 23. 2. 1799; gest. Wildbadgastein (Bad Gastein, Sbg.), 28. 6. 1872; röm.-kath. Sohn eines Bauern. – Nach Besuch der Gymn. in Kempten im Allgäu, Innsbruck und Salzburg trat S. 1820 in das Augustiner-Chorherrenstift St. Florian ein (1823 Profeß, 1824 Priesterweihe). 1824–43 wirkte er als Kaplan in der Stiftspfarre, 1843–54 als Stiftspfarrer und Leiter des Stiftsarchivs, 1854 Stiftsdechant. 1855 beriet er Bischof Rudigier (s. d.) bei der Visitation der Augustiner-Chorherrenstifte. 1856 außerdem Administrator des Dekanats Enns, erhielt S. auch die Schulaufsicht übertragen. 1859 wurde er Propst von St. Florian. Unter ihm wurden eine Reihe von Neubauten in den inkorporierten Pfarren sowie Verschönerungen in der Stiftskirche, u. a. durch L. Kupelwieser (s. d.), durchgeführt. Daneben widmete sich S., von F. Ser. Kurz (s. d.) angeleitet, schon bald der Historiographie. Bereits 1834 gehörte er zu den Initiatoren des späteren Mus. Francisco-Carolinum, red. 1839–44 dessen „Musealblatt“ und arbeitete v. a. an den ersten sechs Bde. des „Urkundenbuchs des Landes ob der Enns“ (1852–72) mit; weiters befaßte er sich mit dem Leben von K. Maximilian I., ordnete die Archive der Stifte St. Florian und Wilhering und verf. die Geschichte beider Klöster. Zudem beschäftigte er sich mit dem Gründer von Stift Reichersberg, Propst Gerhoch, sowie mit Bischof Altmann von Passau, ferner landesgeschichtl. mit den Gf. von Schaunberg. S., der in regem Austausch mit Koch v. Sternfeld (s. d.) stand, war u. a. Mitgl. des Hist. Ver. für Unterfranken und Aschaffenburg (1841), des Hist. Ver. für die Oberpfalz und Regensburg (1844), der kgl. bayer. Akad. der Wiss. (1844) und erhielt 1846 den Titel eines k. k. Reichshistoriographen. 1847 zählte er zu den ersten Mitgl. der Akad. der Wiss. in Wien. Neben seinen geistl., administrativen und wiss. Aufgaben war S. polit. tätig. 1848 wurde er als Vertreter Vbg. in das Frankfurter Parlament gewählt, wo er v. a. mit dem kath.-reformer. Kreis um Johann Joseph v. Görres in Verbindung stand. Auch bei den Bemühungen um die Errichtung des oö. Katholikenver. 1848 spielte S. eine führende Rolle. 1861–67 gehörte er dem oö. LT an; im Grenzbereich von Politik und Wirtschaft wirkte er als Präs. der Oö. Landwirtschaftsges. 1857 wurde er mit dem Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens ausgez.

Weitere W.: s. u. Wurzbach; Guppenberger; Černik.
L.: ADB; Almanach 23, 1873, S. 183ff.; Wurzbach (m. W.); F. I. Proschko, Biographie des Chorherren J. S., 1855; W. Pailler, J. S., 1876; L. Guppenberger, Bibliographie des Clerus der Diözese Linz, 1893, S. 221ff. (m. W.); B. O. Černik, Die Schriftsteller der noch bestehenden Augustiner Chorherrenstifte Österr. ..., 1905, S. 102ff. (m. W.); E. Mühlbacher, Die literar. Leistungen des Stiftes St. Florian, 1905, S. 366ff.; H. Sturmberger, in: Mitt. des Oö. LA 3, 1954, S. 232ff.; H. Slapnicka, OÖ. Die polit. Führungsschicht 1861–1918, 1983; Die Frankfurter Nationalversmlg. 1848/49, ed. R. Koch, 1989 (m. B.); H. Best – W. Weege, Biograph. Hdb. der Abg. der Frankfurter Nationalversmlg. 1848/49, 1996.
(M. Petz-Grabenbauer – H. Slapnicka)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 13 (Lfg. 62, 2010), S. 443
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