Széchenyi von Sárvár und Felsővidék, István (Stephan) Gf. (1791–1860), Politiker und Reformer

Széchenyi von Sárvár und Felsővidék István (Stephan) Gf., Politiker und Reformer. Geb. Wien, 21. 9. 1791; gest. Döbling, NÖ (Wien), 8. 4. 1860 (Selbstmord; begraben: Nagycenk, H); röm.-kath. Sohn von →Ferenc Gf. S. v. S. u. F., Vater von →Béla Gf. S. v. S. u. F. und Ödön Gf. S. v. S. u. F. (geb. Preßburg, Ungarn / Bratislava, SK, 14. 12. 1839; gest. Konstantinopel/İstanbul, TR, 23. 3. 1922), der sich ab Beginn der 1860er-Jahre um die Einrichtung von Feuerwehren in Ungarn nach brit. Vorbild bemühte und ab 1874 das Feuerwehrwesen in Konstantinopel organisierte, Onkel von →Pál Gf. S. v. S. u. F. d. J.; 1836 Heirat mit Crescence Gfn. S. v. S. u. F., geb. Gfn. Seilern, verwitwete Gfn. Zichy (geb. 13. 5. 1799; gest. 30. 7. 1875). – S. nahm ab 1808 an den Napoleon. Kriegen teil; 1813 Rtm. Aufgrund seiner Reisen nach England, auf den Balkan und nach Kleinasien, die ihm die wirtschaftl. Rückständigkeit Ungarns vor Augen führten, sowie seiner polit. Freundschaft mit Miklós Baron Wesselényi widmete er sich i. d. F. Reformplänen im Sinne des gemäßigten Liberalismus. 1825 trat er auf dem LT in Preßburg erstmals öff. in Erscheinung: So verwendete er bei seinen Wortmeldungen in der Magnatentafel die ung. anstatt der bis dahin gebräuchl. latein. Sprache; später stellte er einmalig die Jahreseinkünfte seiner Güter für die Schaffung einer gelehrten Ges. in Pest (Budapest) zur Verfügung, womit er die finanzielle Grundlage für die spätere MTA schuf. Nach deren formeller Gründung 1830 wurde er zum 2. Präs. gewählt (1838 Ehrenmitgl.). I. d. F. bemühte sich S., für die ständ. und bürgerl. Eliten Zentren der Begegnung nach dem Vorbild engl. Clubs zu schaffen, u. a. durch die Gründung eines Pferdezüchterver. (1825) und eines Casinos (1827). Seine Pläne für eine Reform des Wirtschaftssystems veröff. er in dem Werk „Hitel“ (Kredit), 1830. In „Világ …“ (Aufklärung), 1832, und „Stádium“, 1833, erstellte er ein detailliertes Reformprogramm für eine bürgerl.-nationale Umgestaltung Ungarns, wobei der aufgeklärten Aristokratie eine führende Rolle zukommen sollte. 1835 wurde auf seine Initiative hin der Ung. Wirtschafts-Landesver. gegr., dessen Vizepräs. er wurde. S. war an fast allen wesentl. wirtschaftl., kulturellen, gesellschaftl. und polit. Reformprojekten seiner Zeit beteiligt, z. B. an Maßnahmen zur Erschließung neuer Verkehrswege durch den Ausbau der Dampfschifffahrt und Flussregulierungen der Theiß sowie der Donau am Eisernen Tor, wobei er 1833–43 als kgl. Beauftragter fungierte. Zusätzl. bewirkte er die Errichtung einer Hafenanlage und einer Schiffswerft in Altofen (Budapest). Er förderte die Seidenzucht und ließ die erste Walzenmühle in Ungarn errichten. S., der 1832 den Brückenver. gegr. hatte, projektierte für die Verbindung von Ofen und Pest zu einer vereinten Hauptstadt die erste ständige Brücke zwischen den beiden Städten. 1840 begannen die Bauarbeiten für die 1849 fertiggestellte Kettenbrücke (S. Lánchíd). Dieses Projekt wurde ebenso wie andere seiner Reformbestrebungen von →Klemens Wenzel Lothar Fürst Metternich-Winneburg abgelehnt, der S. insgesamt als wirklichkeitsfremd und später sogar als destabilisierenden Faktor ansah. Ab 1840 geriet er aber auch in immer größeren polit. Gegensatz zu →Lajos Kossuth v. Udvard u. Kossut, dessen Opposition gegen die Zentralregierung er als Gefahr für die Nation ansah. In der 1841 publ. Abh. „Kelet Népe“ attackierte S. Kossuth und die von diesem hrsg. Ztg. „Pesti Hírlap“. Ein Jahr später wandte er sich in einer Rede vor der MTA gegen die von der liberalen Elite forcierte Magyarisierung. 1845 Leiter der Verkehrsabt. des Statthaltereirats und Geh. Rat; die Annahme eines Staatsamts wurde ihm jedoch in liberalen Kreisen verübelt. 1846 versuchte er eine Mittelpartei als Gegenpol zu Radikalliberalen und Konservativen zu gründen. Nach Ausbruch der Revolution 1848 war er bestrebt, die Liberalen von der Notwendigkeit eines friedl. Wandels zu überzeugen. S. war von April bis September Verkehrs- und Arbeitsminister sowie Mitgl. des neuen Parlaments und setzte auch sein persönl. Vermögen ein, um die Deckung der neuen ung. Banknotenemission zu gewährleisten. Die zunehmende Verschärfung des Konflikts führte zu seinem nervl. Zusammenbruch, weshalb er sich im September 1848 in Dr. Görgens Privatheilanstalt nach Döbling (Wien) begab. Nachdem sich sein Gesundheitszustand gebessert hatte, begann er ab 1856 erneut zu schreiben: In diesen (erst 1875 bzw. 1991 unter dem Titel „Önismeret“ publ.) Schriften übte er heftige Kritik am Neoabsolutismus. Aufgrund der 1859 anonym publ. Flugschrift „Ein Blick auf den anonymen ‚Rückblick‘ …“ – eine Satire auf das System Bach – wurde er unter polizeil. Beobachtung gestellt. Nach einer Hausdurchsuchung, bei der seine Unterlagen beschlagnahmt wurden, gewann S. den Eindruck, dass gegen ihn ein umfassendes Verfahren im Gange sei, worauf er sich erschoss. Für seinen Tod machte die ung. Öffentlichkeit die Regierung verantwortl. S. war ab 1825 die bestimmende Persönlichkeit in der ung. Reformbewegung. Seine Vorschläge sahen die Abschaffung von Adelsprivilegien und die Übernahme moderner Wirtschaftsstrukturen vor, wobei er stets die Notwendigkeit eines diesbezügl. kollektiven Bewusstseinswandels und einer friedl. Veränderung betonte. Gewaltsame Umwälzungen lehnte er ab, da er darin eine Gefahr für den Weiterbestand der ung. Nation sah. Kossuth, der seine Initiativen sehr schätzte, bezeichnete S. als „größten Ungarn“.

Weitere W.: s. Markó.
L.: Biograph. Lex. Südosteuropas; Wurzbach; D. Silagi, Der größte Ungar. Gf. Stephan S., 1967; G. Barany, Stephen S. and the Awakening of Hungarian Nationalism, 1791–1841, 1968; A. Gergely, S. eszmerendszerének kialakulása, 1972; G. Spira, A Hungarian Count in the Revolution of 1848, 1974; M. Lackó, S. és Kossuth vitája, 1977; D. Kosáry, S. Döblingben, 1981; T. Ács, S. katonaévei, 1994; L. Markó u. a., A MTA tagjai 1825–2002, 3, 2003 (m. B., W. u. L.); A. Oplatka, Gf. Stephan S. Der Mann, der Ungarn schuf, 2004; L. Csorba, in: The Hungarian Quarterly 51, 2010, Nr. 200, S. 3ff.; A. Gergely, ebd., S. 15ff.; B. Mázi – G. Tóth, ebd., S. 20ff. (m. B.); N. Veszprémi, ebd., S. 33ff.; G. Buzinkay, ebd., S. 40ff.; Pfarre Döbling, Wien.
(Z. Szász)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 64, 2013), S. 131f.
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