Széps, Moritz (Moriz) (1834–1902), Journalist

Széps Moritz (Moriz), Journalist. Geb. Busk, Galizien (Bus’k, UA), 4. 11. 1834; gest. Wien, 9. 8. 1902; mos. Sohn des Arztes Leo Scheps und von Fanny Scheps, geb. Brand (geb. Lemberg, Galizien / L’viv, UA, 6. 1. 1812; gest. Wien, 10. 2. 1896), Vater von Sophie Clemenceau, Leo(n) S., Bert(h)a Zuckerkandl(-S.) sowie →Julius S.; ab 1861 verehel. mit Amalie Schlesinger, der Schwester von →Sigmund Schlesinger. – S. stud. zunächst in Lemberg Phil. sowie Naturwiss. und übersiedelte 1854 nach Wien, wo er Med. stud. Daneben begann er für verschiedene Z. zu schreiben, u. a. für das „Illustrirte Familienbuch …“ des Österr. Lloyd und den „Wanderer“. 1855 brach er sein Stud. ab und trat auf Einladung des Hrsg. August Zang als polit. Red. bei der Ztg. „Die Presse“ ein, wo er 1855–56 mit seinen Artikeln über die Lage in Russland und im Osman. Reich Aufsehen erregte. Im Mai 1858 übernahm er von Leopold Landsteiner die Leitung der „Morgen-Post“, die unter seiner Ägide bald einen merkl. Aufschwung erlebte, eine Aufl. von 30.000 Stück erreichte und damit zur damals größten Wr. Tagesztg. avancierte. Nach der Niederlage von Solferino 1859 unterstützte S. die Forderungen nach konstitutionellen Reformen und druckte die von ihm selbst verf. anonyme Broschüre „Freie Worte eines Bürgers“ in der Ztg. ab. Nachdem sich das Verhältnis zu Landsteiner verschlechtert hatte, erwarb er im Juli 1867 gem. mit anderen Red. das „Neue Wiener Tagblatt“, das Nachfolgeorgan des „Wiener Journals“; der Großteil der Red., u. a. →Friedrich Schlögl, wechselte mit ihm dorthin. S. fungierte bis 1872 als Eigentümer, Hrsg. und Chefred. dieser Ztg., die – polit. links der Mitte positioniert – den Raum zwischen der „Neuen Freien Presse“ und den reinen Lokalbll. einnehmen sollte und sich an das gebildete Wr. Bürgertum richtete. Das Bl. erzielte in den ersten Jahren v. a. mit der Lokalberichterstattung Erfolge und war der Konkurrenz oftmals voraus. S. selbst zählte zu den ersten Leitartiklern Wiens. 1872 verkaufte er die Ztg., die eine Abonnentenzahl von 30.‒40.000 bzw. eine Leserzahl von 200.‒300.000 aufwies, an die von ihm mitgegr. Steyrermühl AG und wurde Vizepräs. des Unternehmens, das zugleich auch die „Konstitutionelle Vorstadt-Zeitung“ und 1881 eine leistungsfähige Druckerei erwarb. Trotz des Verkaufs blieb S. bis 1886 Hrsg. und Chefred. des „Neuen Wiener Tagblatts“, das i. d. F. ständig ausgebaut wurde. Insbes. das Korrespondentennetz im Ausland wuchs, sodass das Bl. in der internationalen Berichterstattung selbst für die „Neue Freie Presse“ eine ernsthafte Konkurrenz darstellte. Etwa Ende 1881 kam es auf Vermittlung →Karl Mengers (v. Wolfensgrün) zu einem ersten Zusammentreffen zwischen S. und Kronprinz →Rudolf. Daraus entwickelte sich einerseits ein reger polit. Gedankenaustausch, andererseits publ. Rudolf auch mehrmals unter Ps. in der Ztg. S. erhielt über den Kronprinzen eine Reihe polit. sensibler Informationen und versorgte diesen seinerseits v. a. mit außenpolit. Nachrichten über Frankreich, wohin er seit den 1870er-Jahren enge Kontakte, z. B. zu Léon Gambetta und Georges Clemenceau, unterhielt. Das Vertrauensverhältnis zum Thronfolger wurde in Hofkreisen allerdings bald bekannt und hatte für S. negative Folgen: Im Jänner 1883 wurde dem „Neuen Wiener Tagblatt“ und der „Konstitutionellen Vorstadt-Zeitung“ auf Anordnung von Ministerpräs. →Eduard Gf. Taaffe von der nö. Statthalterei die Trafikverschleißlizenz entzogen; diese Maßnahme blieb bis September 1892 aufrecht. Es kam i. d. F. zu Meinungsverschiedenheiten mit dem Verw.R. der Steyrermühl. Mitte Oktober 1886 wurde S. als Hrsg. und Chefred. durch Moritz Wengraf abgelöst. S. erwarb daraufhin die „Morgen-Post“, der er durch Titeländerung in „Wiener Tagblatt“ den Anschein einer Neugründung unter Bewahrung des Charakters des „Neuen Wiener Tagblatts“ zu geben versuchte: Es erschien bereits eine Woche nach seinem erzwungenen Ausscheiden. Das ambitionierte Ziel, das „Neue Wiener Tagblatt“ zu beerben, konnte er aber trotz aller Anstrengungen – auch aufgrund finanzieller Probleme – nicht erreichen. S., der das „Wiener Tagblatt“ bis 1898 leitete, gründete 1900 zusätzl. die populärwiss. WS „Das Wissen für Alle“. Er zählte 1859 zu den Mitbegründern des Journalisten- und Schriftstellerver. „Concordia“ (1865–69 Vorstandsmitgl., 1870–72 Vizepräs.).

L.: NFP, Pester Lloyd, Prager Tagbl., WZ, 9. 8. 1902 (alle A.); Neues Wr. Journal, Wr. Allg. Ztg., 10. 8. 1902; Czeike; Eisenberg 1; Stern–Ehrlich, S. 53; Universal Jew. Enc.; Wurzbach; D. Spavento, Wr. Schriftsteller & Journalisten, 2. Aufl. 1874, S. 30ff.; K. Paupié, M. S., phil. Diss. Wien, 1949; ders., Hdb. der österr. Pressegeschichte 1848–1959, 1, 1960, S. 150ff.; L. O. Meysels, In meinem Salon ist Österr., 2. Aufl. 1984, s. Reg.; B. Hamann, Rudolf: Kronprinz und Rebell, 7. Aufl. 1991, s. Reg.; F. Fejtö, Requiem für eine Monarchie, 1991, s. Reg.; E. Walter, Österr. Tagesztg. der Jh.wende, 1994, s. Reg.; J.-P. Bled, Kronprinz Rudolf, 2006, s. Reg.; H. Morgenstern, Jüd. biograph. Lex., 2009; AVA, HHStA, IKG, alle Wien; Nö. LA, St. Pölten, NÖ.
(Th. Venus)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 64, 2013), S. 148f.
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