Szeptycki (Šeptyc’kyj) von und zu Szeptyce, Andrej (Andreas) Gf. (1865–1944), Metropolit

Szeptycki (Šeptyc’kyj) von und zu Szeptyce Andrej (Andreas) Gf., OSBM und MSU, Metropolit. Geb. Przyłbice, Galizien (Prylbyči, UA), 29. 7. 1865; gest. L’vov, UdSSR (L’viv, UA), 1. 11. 1944; röm.-kath., später griech.-kath. Aus einem alten Bojarengeschlecht stammend. Sohn des galiz. Großgrundbesitzers, LT-Abg. und HH-Mitgl. sowie Geh. Rats Jan Kanty (Johann Cantius) Gf. S. v. u. z. S., Bruder von →Stanisław (Stanislaus) Gf. S. v. u. z. S. und des dem Studitenorden angehörenden Ordensmanns Klymentij (Kazimir/Kazimierz/Kazymyr) Gf. S. v. u. z. S. Durch die Mutter Zofia (Sofia) Gfn. S. v. u. z. S., geb. Gfn. Fredro, Enkel des poln. Schriftstellers →Aleksander Gf. Fredro. – S. wurde in eine ursprüngl. ukrain. griech.-kath., später polonisierte Gutsbesitzerfamilie hineingeboren und nach röm.-kath. Ritus getauft. Nach Privatunterricht im Elternhaus besuchte S. 1879–83 das St. Anna-Gymn. in Krakau (Kraków). 1883–84 absolv. er sein Einjährig-Freiwilligen-Jahr. 1884–88 stud. er Jus in Krakau; 1888 Dr. iur. Im selben Jahr trat er als Novize in das Kloster der Basilianer in Dobromil (Dobromyl’) ein; (wahrscheinl.) 1892 Dr. theol. Dazwischen reiste er nach Rom und nach Moskau. 1892 legte er die feierl. Gelübde im Kloster Krystynopol (Krystynopil’, ab 1953 Červonohrad) ab und wurde im selben Jahr zum Priester geweiht. 1893 Novizenmeister, 1895 Subprior in Dobromil, 1896 Vorsteher des Klosters des Hl. Onuphrius in Lemberg (L’viv). 1898 Prof. der Moral und Dogmatik an der Ordenslehranstalt der Basilianer in Krystynopol. 1899 wurde S. zum griech.-kath. Bischof von Stanislau (Ivano-Frankivs’k) geweiht und 1900 zum Erzbischof von Lemberg sowie zum Metropoliten von Galizien ernannt. S. bemühte sich stets um eine Annäherung an die Orthodoxie. 1901 gründete er den Studitenorden und übernahm selbst als Archimandrit die Führung. Reisen führten ihn u. a. nach Ungarn, Kroatien, Großbritannien und in die USA. In Russland versuchte er vergebens, im Auftrag von Papst Pius X. und mit Hilfe des zum Katholizismus konvertierten Priesters Leonid Feodorov, eine unierte Kirche aufzubauen. Nach der Besetzung Lembergs durch russ. Truppen im Herbst 1914 wurde S. zunächst in Kursk, dann in einem Kloster in Suzdal’ bis zur Revolution im März 1917 festgehalten. Nach Lemberg zurückgekehrt, wurde er nach der poln. Besetzung der Stadt wiederum kurzfristig interniert, da die neuen Machthaber die unierte Kirche als eine Hauptstütze des ukrain. Nationalismus ansahen. I. d. F. stellte sich S. gegen die Politik der poln. Regierung, ebenso gegen den Untergrundkampf ukrain. Nationalisten. Zwischen 1907 und 1927 nahm er an mehreren Velehrader Kongressen zur Vereinigung der östl. und westl. Kirche in führender Stellung teil. 1928 gründete er die theol. Akad. in Lwów. 1932 war er Mitbegründer des St.-Andreas-Kollegs in München. Als 1938 die Kampagne der poln. Behörden gegen die Orthodoxen mit der Zerstörung von 114 Kirchen ihren Höhepunkt erreichte, protestierte S. scharf in aller Öffentlichkeit. Die sowjet. Propaganda richtete sich gegen S., als sowjet. Truppen im September 1939 Ostpolen besetzten. Trotz der Verhaftung zahlreicher Priester versuchte er, die Seelsorge aufrechtzuerhalten, indem er den Jesuiten Antonij Niemancevič zum Exarchen für Weißrussland und seinen Bruder Klymentij zum Exarchen für Russland und Sibirien ernannte. Während des 2. Weltkriegs verurteilte er die nationalsozialist. Vernichtungspolitik gegen Juden und Slawen und nahm jüd. Verfolgte bei sich auf. In diversen theol. Z., mehr als 150 Hirtenbriefen sowie als Organisator zahlreicher Synoden trat er mutig gegen die Unterdrückung der unierten Ukrainer durch das zarist. Russland, durch Polen, die Sowjets und die Nationalsozialisten auf. Sein polit. Leitmotiv war die Union der nicht kath. Ostchristen mit Rom, Vorstufe dazu sollte die Vereinigung unierter und orthodoxer Ukrainer in einem Patriarchat unter der Oberhoheit des Papstes sein. Als Förderer karitativer und pädagog. Einrichtungen sowie als Mäzen für Kunst und Wiss. zeichnete er v. a. für die Gründung des Nationalmus. in Lemberg 1905 verantwortl. S. war ab 1901 Mitgl. des österr. HH, 1900–14 saß er als Virilist im galiz. LT. 1901–12 war er Stellv. des Landmarschalls, 1914 erhielt er den Orden der Eisernen Krone I. Kl., 1918 das Großkreuz des Leopold-Ordens.

W.: s. Bautz; Prokoptschuk.
L.: Bautz (m. W. u. L.); LThK; PSB; G. Prokoptschuk, Der Metropolit. Leben und Wirken des großen Förderers der Kirchenunion Gf. A. S., 1967 (m. W. u. L.); W. Lencyk, in: Ukraine. A Concise Enc. 2, ed. V. Kubijovyč, 1971; M. Tataryn, in: Sobornost 3, 1981, S. 210ff.; W. Bihl, in: Österr. Osthe. 26, 1984, S. 563ff.; V. Kosyk, in: Intrepido Pastori. FS J. Kardinal Slipyj, 1984, S. 417ff.; R. Osinúuk, ebd., S. 649ff.; Morality and Reality: The Life and Times of A. S., ed P. R. Magocsi, 1989; A. Eszer, in: Die stille Schar. Jb. der Gebetsliga 39, 1991, S. 5ff.; G. Andriányi, Geschichte der Kirche Osteuropas im 20. Jh., 1992, passim; C. Korolevsky – S. Keleher, Metropolitan Andrew (1865–1944), 1993; E. Ch. Suttner, in: Der Christl. Osten 49, 1994, S. 119ff.; A. A. Zięba, Metropolita A. S., 1994; A. Krawchuk, Christian Social Ethics in Ukraine: The Legacy of A. S., 1997; J.-P. Himka, Religion and Nationality in Western Ukraine: The Greek Catholic Church and the Ruthenian National Movement in Galicia 1867–1900, 1999, S. 129ff.; E. Prus, Patriarcha Galicyjski. Rzecz o Arcybiskupie A. S. Metropolicie Grekokatolickim (1865–1944), 1999; P. Galadza, The Theology and Liturgical Work of A. S., 1865–1944, 2004; V. Naumescu, Modes of Religiosity in Eastern Christianity: Religious Processes and Social Change in Ukraine, 2008, s. Reg.; UA, Wien; Mitt. Matthias Kaltenbrunner, Wien, John-Paul Himka, Edmonton, CDN.
(F. Adlgasser – W.-D. Bihl)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 64, 2013), S. 149f.
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