Szilágyi, Dezső (Desider) (1840–1901), Politiker und Jurist

Szilágyi Dezső (Desider), Politiker und Jurist. Geb. Großwardein, Ungarn (Oradea, RO), 1. 4. 1840; gest. Budapest (H), 31. 7. 1901; evang. HB. Sohn des Advokaten Lajos S., Bruder von Ete S. (s. u.). – S. besuchte das Gymn. in Großwardein und stud. danach Rechtswiss. an den Univ. Wien (1859–61) und Pest (1861–62); 1865 Dr. iur. in Pest. Nach dem Stud. war er für kurze Zeit als Journalist für die Ztg. „Pesti Napló“ und danach als Advokat tätig. Ab 1867 wirkte S. als Min.sekr. im ung. Justizmin.; bald darauf Sektionsrat. 1870 wurde er von der Regierung nach England geschickt, um das dortige Gerichtswesen und den Strafvollzug zu stud. Ab 1871 war er Mitgl. des Kodifikationsausschusses des Ministerrats sowie Abg. im ung. Parlament, wo er bis 1875 der Deák-Partei, 1875–77 der Liberalen Partei, 1878–89 der Vereinigten Opposition (später Nationalpartei) sowie ab 1889 erneut der Liberalen Partei angehörte; 1874 Sektionschef. 1889 wurde er von Kálmán Tisza, an dessen Sturz S. ein Jahr später maßgebl. beteiligt war, zum Justizminister berufen. Sein Ministeramt behielt er bis zum Ende des Kabinetts Wekerle 1895. Danach war er bis 1898 Präs. des ung. Abg.hauses. Als Justizminister setzte S. zahlreiche Reformen durch, von denen v. a. die Liberalisierung der kirchenpolit. Gesetze (u. a. Einführung der verpflichtenden Zivilehe und der staatl. Matrikelführung) sowie Neuerungen im Straf- und Zivilverfahren (Strafprozessordnung von 1896), im Gefängniswesen sowie die Kodifikation des bürgerl. Rechts zu nennen sind. Neben seiner polit. Laufbahn war S. 1874–89 ao. Prof. für Politik und Strafrecht an der Univ. Budapest und verf. mehrere bedeutende rechtswiss. Abhh. wie seine polit. und strafrechtl. Kommentare „Politikai jegyzetek“, 3 Bde., 1887–89, oder „Büntetőjogi jegyzetek“, 1888. 1891 Geh. Rat, 1896 Ritter des Ordens der Eisernen Krone I. Kl., 1897 Ehrenmitgl. der MTA, Ritter des preuß. Roten Adler-Ordens. Sein Bruder, der Ophthalmologe Ete (Etele, Ede) S. (geb. Großwardein, 31. 5. 1844; gest. Klausenburg, Siebenbürgen / Cluj-Napoca, RO, 16. 4. 1894), stud. nach der Matura 1862 Med. an der Univ. Wien; 1868 Dr. med. Ete S. vervollkommnete seine augenärztl. Ausbildung bei →Carl Stellwag v. Carion, danach war er zwei Jahre Operationszögling an der chirurg. Klinik in Budapest; 1874 Univ.Doz., 1875 Prof. für Augenheilkde. an der Univ. Klausenburg. Ete S., ein ausgezeichneter Ophthalmologe, war ein gefragter Mitarb. in der Fachpresse Österr. und Ungarns. Er befasste sich u. a. mit Refraktionsanomalien, mit Theorien zum Ausgleich von Kurzsichtigkeit, mit der Anwendung des Augenspiegels und mit Blepharoplastik (Lidstraffung). Als morphiumabhängiger Sonderling bekannt, behandelte er seine Patienten stets unentgeltl., scheute jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit und lehnte berufl. Aufstiegsmöglichkeiten ab, um nicht in den Ruf der Protektion durch seinen Bruder zu gelangen.

Weitere W.: s. Szinnyei; Markó. – Ete S.: Micrometer-Ophthalmoscop, 1893.
L.: NFP, 31. 7. (A.), 1., 3., 10. 8. 1901; Linzer Volksbl., 2. 8. 1901; Biograph. Lex. Südosteuropas; Das geistige Ungarn (auch für Ete S.); M. Életr. Lex. (m. B.); Szinnyei (m. W., auch für Ete S.); Wurzbach (s. u. Virgil S.); Jurist. Bll. 30, 1901, S. 367; L. Markó u. a., A MTA tagjai 1825–2002, 3, 2003 (m. B. u. W.); I. Stipta, in: Deák és utódai. Magyar igazságügyi miniszterek 1848/49-ben és a dualizmus korában, ed. N. Csibi u. a., 2004, S. 137ff.; UA, Wien; UA, Budapest, H. – Ete S.: Pester Lloyd, 17. 4. 1894 (auch A.); Hirschberg, Geschichte der Augenheilkde.; UA, Wien.
(U. Denk – Z. Fónagy – F. Krogmann)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 64, 2013), S. 155f.
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