Szőgyény-Marich von Magyarszőgyén und Szolgaegyháza, László (Ladislaus) d. J. Gf. (1840–1916), Diplomat, Politiker und Jurist

Szőgyény-Marich von Magyarszőgyén und Szolgaegyháza László (Ladislaus) Gf. d. J., Diplomat, Politiker und Jurist. Geb. Wien, 12. 11. 1840; gest. Csór (H), 11. 6. 1916; röm.-kath. Sohn von →László (Ladislaus) Gf. S.-M. v. M. u. S. d. Ä. und Mária S.-M. v. M. u. S.; ab 1873 mit Irma Freiin v. Geramb verheiratet. – S. absolv. das Zisterziensergymn. in Stuhlweißenburg (Székesfehérvár) und stud. an der Univ. Wien Rechts- und Staatswiss. 1861 wurde er Hon.-Notar im Kom. Fejér, 1862 legte er die Advokatenprüfung ab und wurde 1863 Rechtspraktikant bei der kgl. Tafel in Pest (Budapest). Mit seinem späteren polit. Weggefährten →Béni Kállay v. Nagy-Kálló unternahm er 1864 eine Stud.reise nach Frankreich, Spanien und Italien und befasste sich intensiv mit Volkswirtschaft. Ab 1865 fungierte er in der Kom.verwaltung als Hon.-Stuhlrichter, ab 1867 als Hon.-Obernotar. Ab 1869 vom Wahlbez. Bodajk in den RT gewählt, gehörte er – mit Ausnahme der Jahre 1875–78, in denen er sich in der Konservativen Partei betätigte – der regierenden Liberalen Partei an. Als Parlamentarier wirkte S. häufig als Mitgl. der ung. Delegation im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten. 1882 wechselte er ins Gem. Min. des k. Hauses und des Äußern, um dort als Nachfolger Kállays, der zum gem. Finanzminister ernannt wurde, die nach dem Ausgleich von 1867 traditionsgemäß einem Ungarn zufallende Stelle als Sektionschef einzunehmen. Im nächsten Jahr schon zum 1. Sektionschef befördert, fungierte er in allen Ungarn betreffenden innen- und außenpolit. Angelegenheiten als Berater sowohl des Außenministers →Gustav Sigmund Gf. Kálnoky v. Köröspatak als auch der Krone bzw. trat als Vermittler zwischen der Krone und den ung. Regierungen auf. Während der bulgar. Krise 1886–87 verteidigte er den Minister gegen ung. Angriffe. Im Streit um die Bezeichnung des gem. Heers 1889 setzte er sich erfolgreich für den ung. Standpunkt ein, um die Armee im Sinne des staatsrechtl. Dualismus auch offiziell zu einer k. u. k. Institution zu machen; den späteren ung. Bestrebungen militär. und staatsrechtl. Natur gegenüber verhielt er sich aber ablehnend. Als Vors. der Zoll- und Handelskonferenz war er in den 1880er-Jahren für die Koordination der österr. und ung. Wirtschaftsinteressen zuständig. Durch die Vorbereitung der ausländ. Handelsverträge sammelte er ihm bislang fehlende internationale und diplomat. Erfahrung. Ab 1886 informierte S. Kronprinz →Rudolf auch vertraul. über die Außenpolitik der Monarchie. Zu Weihnachten 1890 trat er als Minister am Allerhöchsten Hoflager in die Regierung Szapáry ein, in der er in der Frage der liberalen Kirchengesetzgebung auf einen Kompromiss zwischen der Regierung und dem Monarchen hinarbeitete. Gleichzeitig wurde ihm die lebenslängl. Mitgl.schaft im ung. Oberhaus verliehen. 1892–1914 fungierte er als Botschafter Österr.-Ungarns in Berlin. Seine Entsendung setzte die nach der dt. Reichsgründung von 1871 etablierte Praxis fort, die Vertretung der Doppelmonarchie einem Ungarn anzuvertrauen, um in der Diplomatie dt.nationale Neigungen und slaw. germanophobe Vorbehalte zu neutralisieren. In seiner außenpolit. Auffassung genoss die Wahrung des von →Julius Gf. Andrássy d. Ä. und Reichskanzler Otto Fürst v. Bismarck 1879 abgeschlossenen Bündnisses höchste Priorität. Nach der Jh.wende bewertete er die dt.-russ. Entfemdung als zunehmende Gefahr für die Monarchie. S. war ab 1903 Dion.mitgl. der MTA und erhielt zahlreiche Ausz., u. a. 1886 den Orden der Eisernen Krone I. Kl., 1896 das Großkreuz des Leopold-Ordens; weiters wurde er 1900 Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies und erhielt 1914 das Großkreuz des St. Stephans-Ordens in Brillanten; 1910 wurde er in den Gf.stand erhoben.

L.: Vasárnapi Ujság, 28. 12. 1890 (m. B.), 26. 6. 1898; I. Pantenburg, Im Schatten des Zweibundes ..., 1996, s. Reg.; W. Godsey, Aristocratic Redoubt. The Austro-Hungarian Foreign Office on the Eve of the First World War, 1999, s. Reg.; E. Somogyi, in: Österr. Osthe. 44, 2002, S. 596ff.; L. Markó u. a., A MTA tagjai 1825–2002, 3, 2003 (m. B.); E. Somogyi, Hagyomány és átalakulás. Állam és bürokrácia a dualista Habsburg Monarchiában, 2006, S. 101ff.; Új magyar életrajzi lex. 6, 2007.
(I. Ress)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 64, 2013), S. 167
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