Stur, Jan; eigentl. Hersz Feingold (1895–1923), Schriftsteller und Lehrer

Stur Jan, Schriftsteller und Lehrer. Geb. Radautz, Bukowina (Rădăuţi, RO), 22. 12. 1895; gest. Lwów, Polen (L’viv, UA), 20. 7. 1923; mos., ab ca. 1918 röm.-kath. Hieß eigentl. Hersz Feingold. Sohn eines assimilierten jüd. Rechtsanwalts. – Nach dem frühen Tod des Vaters besuchte S. bis 1912 das Gymn. in Lemberg (L’viv). Dort freundete er sich mit Józef Wittlin an und veröff. ab 1912 erste dichter. Versuche. Sein 1914 begonnenes Jusstud. an der Univ. Wien musste er wegen seiner Einberufung zum Militär unterbrechen, wurde wegen einer Tuberkuloseerkrankung jedoch nicht an die Front geschickt. Vermutl. ab 1919 unterrichtete er am poln. Gymn. in Lwów und gab Texte von →Aleksander Gf. Fredro, Adam Mickiewicz, Julian Niemcewicz und Juliusz Słowacki mit Erläuterungen heraus. Sein publizist. Debüt erfolgte im selben Jahr mit der Abh. „Ekspresjonizm“ in der „Gazeta Poranna i Wieczorna“. Hier definierte er den Expressionismus als ein überzeitl. Phänomen, eine geistig-metaphys. Strömung, die eth.-individualist. auf einen Bewusstseinswandel abzielt. Er kritisierte die formal konventionelle, traditionelle Dichtung der Literatengruppe Skamander und forderte neue, radikale Ausdrucksmittel. Gem. mit seinen Posener Schriftstellerfreunden Witold Hulewicz und Jerzy Hulewicz publ. er 1919–22 in der Zweiwochenschrift „Zdrój“, wurde selbst zu deren wichtigstem Theoretiker und somit des poln. Expressionismus; 1920–21 war er Red. dieser Z. S. arbeitete für verschiedene Ztg. und Z. wie „Wiek Nowy“ (1919), „Trybuna“ (1920), „Gospoda Poetów“ (1921) sowie „Kurjer Lwowski“ (1921). Bereits in seiner ersten Lyriksmlg. „Anima nostra“ (1920) mit Ged. in Poln., Dt. und Französ., tw. mit latein. Titeln, klingt das Motiv der Ausgeschlossenheit des Fremden an. In seinem letzten, als Trilogie geplanten Zyklus „Człek wędrowny“ (1921), für den er die Struktur der „Göttlichen Komödie“ Dantes zum Vorbild nahm, wechselt er zwischen einer individuellen autobiograph. Perspektive, beeinflusst von den traumat. Erlebnissen seiner Kindheit, und einer ideengeschichtl. Reflexion, z. B. der Idee der ewigen Wiederkehr (Nietzsche) und des pantheist. Glaubens an die Einheit der ganzen Welt. S.s Werk ist heute ledigl. von hist. Bedeutung.

Weitere W. (s. auch PSB; Słownik współczesnych pisarzy polskich; Współcześni polscy pisarze i badacze literatury): Triumfy, 1920; Z ksiąg prawdy, 1921; Pisma, 1924; Der Expressionismus, in: Die literar. Avantgarde in Polen, ed. J. Lam, 1990; Was wir wollen, ebd.
L.: PSB (m. W. u. L.); Słownik współczesnych pisarzy polskich 1/3, ed. E. Korzeniowska, 1964 (m. W.); J. Ratajczak, in: Przegląd Humanistyczny 1, 1967, S. 83ff.; Literatura polska, ed. J. Krzyżanowski u. a., 2, 1985; M. Kłańska, in: Expressionismus in Österr., ed. K. Amann – A. Wallas, 1994, S. 353ff.; dies., in: H. Kircher u. a., Avantgarden in Ost und West …, 2002, S. 177ff.; Współcześni polscy pisarze i badacze literatury 8, ed. J. Czachowskiej u. a., 2003 (m. W.).
(M. Kłańska)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 63, 2012), S. 7f.
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