Sueß, Eduard (Carl Adolph) (1831–1914), Geologe, Paläontologe und Politiker

Sueß Eduard (Carl Adolph), Geologe, Paläontologe und Politiker. Geb. London (GB), 20. 8. 1831; gest. Wien, 26. 4. 1914 (begraben: Marz, Bgld.); evang. AB. Sohn des Fabrikanten →Adolph Heinrich S., Vater von →Franz Eduard S., Adolf S. (1859–1916), Gründer eines Zementwerks, Otto S. (1869–1941), Dir. von Steinkohlebergwerken, des Juristen Hermann S. (1864–1920), der das Büro der Rechtsabt. einer Agrarbank leitete, des Chefarztes der staatl. Eisenbahnges. Erhard S. (1871–1937) sowie von Paula Aloisia S. (1861–1921), die ab 1878 mit →Melchior Neumayr verheiratet war, Großvater des Chemikers und Kernphysikers Hans Eduard S. (geb. Wien, 16. 12. 1909; gest. San Diego, Cal., USA, 20. 9. 1993), Bruder von →Friedrich S.; verheiratet mit Hermine S., geb. Strauß (1835–1899). – S. besuchte ab 1840 das Akadem. Gymn. in Prag, 1845 das Akadem. Gymn. in Wien und stud. ab 1846 am Wr., ab 1848 am Prager polytechn. Inst. Besuche des Prager Böhm. Mus. und Exkursionen in das fossilreiche Umland der Stadt weckten sein Interesse für Paläontol. 1849 wieder in Wien, widmete sich S. einer Studie über Graptolithen des böhm. Silur, die 1851 als seine erste wiss. Arbeit erschien. Trotz einer vernichtenden Rezension durch den Geologen Joachim Barrande wurde S. 1852 als Ass. im Hof-Naturalien-Kabinett aufgenommen, wo er sich den Brachiopoden, Ammoniten und fossilen Säugetieren widmete. Aufgrund der angebl. Teilnahme an revolutionären Umtrieben 1851 inhaftiert, mangels an Beweisen aber bald wieder freigelassen, gab S. sein Stud. auf, um sich gänzl. der geowiss. Laufbahn zuzuwenden. 1857 wurde sein Gesuch um Verleihung der Venia legendi abgelehnt, nach einer Immediateingabe bei Minister Leo Gf. Thun-Hohenstein wurde S. aber im selben Jahr zum unbesoldeten ao. Prof. für Paläontol. an der Univ. Wien ernannt; 1862 ao. Prof. für Geol., 1867 o. Prof. In den 1860er-Jahren arbeitete S. über die geolog. Verhältnisse Wiens. Ab 1863 gehörte er der Wasserversorgungskomm. an, dort war er maßgebl. an der Planung und Umsetzung der 1. Wr. Hochquellenwasserleitung beteiligt, die 1873 fertiggestellt wurde. Weiters forcierte S. die Regulierung der Donau (Fertigstellung 1875), deren Komm. (1867) er ebenfalls angehörte. 1875 publ. er sein Werk „Die Entstehung der Alpen“, in dem er seine revolutionäre Sicht der Entstehung der Kettengebirge darlegte, die er mit Beispielen aus aller Welt belegte. In seinem Hauptwerk „Das Antlitz der Erde“ (3 Bde., 4 Tle., 1883–1909, französ. 1897–1918, engl. 1904–24) erweiterte S. die Gesetzmäßigkeiten, die er in den europ. Kettengebirgen erkannt hatte, und dehnte sie auf die Bildungsweise des gesamten Planeten aus. S. befasst sich darin mit der altersmäßigen Gliederung der Kettengebirge, der Abgrenzung der Kontinentalschollen, den großen Ausbreitungen und Rückzügen der Meere, den Bewegungen der Erdkruste und schließl. mit der Geol. der Erde überhaupt. Er prägte den Begriff Tethys für jenen Urozean, der ursprüngl. die Urkontinente Laurasia und Gondwanaland voneinander trennte. Bei seinem Versuch, Tektonik und Stratigraphie zu verbinden, führte er 1888 den noch heute gebräuchl. Begriff Eustat. Bewegung ein. Zudem prägte S. die Begriffe Bio-, Litho- und Hydrosphäre. Als Erster stellte er die Einseitigkeit der Gebirgsbildung fest, eine Einsicht, die sich in der Geol. erst gegen Ende des 20. Jh. durchsetzte. Generell hat S.’ Wirken die method. Sichtweise in den Geowiss. revolutioniert: Aus der auf purer Klassifikation der Beobachtung fußenden Geognosie wurde die hist. Dimensionen der Erdentwicklung berücksichtigende moderne Geol. S. war als liberaler Volksvertreter auch polit. aktiv. 1863–73 und 1882–86 Mitgl. des Wr. Gmd.rats, 1873–97 Abg. zum österr. RR; 1869–96 mit Unterbrechungen Mitgl. des nö. LT, 1870–74 im Landesausschuss. In dieser Funktion setzte er die Umsetzung des Reichsvolksschulgesetzes von 1869, das die interkonfessionellen Schulen ermöglichte, gegen den Widerstand klerikaler Kreise in NÖ durch. 1888 Rektor der Univ. Wien, vermochte S. jedoch den antisemit. Attacken dt. Burschenschaften auf Dauer nicht standzuhalten und demissionierte 1889 noch vor Ende seiner Amtszeit. S. war u. a. Mitgl. der Dt. Geolog. Ges. in Berlin, der Palaeontographical Society in London, der Société Linnéenne de Normandie in Caen, der Acad. des Sciences in Paris (1889 k. M. pour la section de minéralogie, 1900 associé étranger), der Russ. Akad. der Wiss. (1887 k. M., 1901 Ehrenmitgl.), der Royal Society of London (Foreign Member 1894), der Geological Society of London (1896 Wollaston Palladium Medal), der American Philosophical Society (1886 Foreign Member), der U.S. National Acad. of Sciences (1898 Foreign Associate) und Ehrenmitgl. der Ung. Geolog. Ges.; 1860 k. M., 1867 w. M. der k. Akad. der Wiss. in Wien (1885 Sekr. der mathemat.-naturwiss. Kl., 1891 Gen.sekr., 1893 Vizepräs., 1898–1911 Präs.).

Weitere W.: s. Cernajsek, 1999, 2000; Şengör, 2009.
L.: Almanach 64, 1914, S. 356ff. (m. B.); E. S., Erinnerungen, ed. Erhard S., 1916; Mitt. der Österr. Geolog. Ges. 74–75, 1981–82, 1981; A. M. C. Şengör, in: Geolog. Rundschau 71, 1982, S. 381ff.; T. Cernajsek u. a. „… hat durch bedeutende Leistungen … das Wohl der Gmd. mächtig gefördert.“ E. S. und die Entwicklung Wiens zur modernen Großstadt, 1999 (m. B., W. u. L.); ders. u. a., in: Wiss. und Forschung in Österr. …, ed. G. Heindl, 2000, S. 59ff. (m. B., W. u. L.); M. Durand-Delga – J. Seidl, E. S. (1831–1914), et sa fresque mondiale «La Face de la Terre», deuxième tentative de Tectonique Globale, 2004; J. Seidl, in: Travaux du Comité Français d’Histoire de la Géol. (COFRHIGEO), 3. sér., 18, 2004, S. 133ff. (m. L.); M. Durand-Delga – J. Seidl, in: Comptes Rendus Géoscience 339, 2007; E. S. und die Entwicklung der Erdwiss. zwischen Biedermeier und Sezession, ed. J. Seidl, 2009; ders., in: Jb. der Geolog. Bundesanstalt 149, 2009, S. 375ff., 384ff. (m. B.); A. M. C. Şengör, ebd., S. 391ff. (m. W. u. L.); AVA, UA, beide Wien; Archives de l’Acad. des Sciences, Paris, F; Mitt. Ali Mehmet Celâl Şengör, İstanbul, TR, Michel Durand-Delga, Paris, F.
(J. Seidl)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 63, 2012), S. 32f.
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