Sueß, Franz Eduard (1867–1941), Geologe

Sueß Franz Eduard, Geologe. Geb. Wien, 7. 10. 1867; gest. ebd., 25. 1. 1941. Sohn von →Eduard S., ab 1909 verheiratet mit Olga Frenzl (geb. Wien, 8. 1. 1886; gest. ebd., 27. 9. 1972). – Nach Besuch des Realgymn. stud. S. ab 1886 Geol. und Naturwiss. an der phil. Fak. der Univ. Wien, unterbrochen 1888–89 durch seinen Heeresdienst (Lt. der Res.); 1891 Dr. phil. Während seines Stud. arbeitete er als Volontär an der geolog.-paläontolog. Abt. am Naturhist. Hofmus., wo er mit dem Ordnen und Bestimmen von Tertiärfaunen beschäftigt war. Geolog. Exkursionen, u. a. in die Radstädter Tauern oder mit dem Paläontologen Fritz Frech in die Karn. Alpen, trugen wesentl. zum Verständnis der Tektonik der Zentralalpen bei und wurden prägend für seine wiss. Karriere. Nach seinem Stud. untersuchte S. zunächst die schott. Decken-Überschiebung „Moine Thrust“ und wurde noch 1891 Ass. an der Lehrkanzel für Mineral. und Geol. an der dt. TH in Prag bei dem Paläontologen Victor Uhlig. Dort befasste er sich mit mesozo. Cephalopoden aus dem Himalaya. Gem. mit Uhlig bestimmte er Vertreter der jurass. Ammonitengattungen der Spitischiefer und untersuchte die von Belemniten dominierte Fauna aus den roten Oolithen. S. konnte zum einen eine neue charakterist., dorsal und ventral gefurchte Art Belemnites sulcacutus beschreiben, zum anderen eine stratigraph. Einordnung der Abfolge in den Dogger (nicht wie zuvor angenommen in den Lias) vornehmen. I. d. F. wandte er sich jedoch verstärkt der Tektonik und der Kristallingeol. zu. 1893 wurde S. Volontär an der Geolog. Reichsanstalt in Wien, 1896 Praktikant, 1899 Ass. und 1900 Adjunkt. Geolog. Aufnahmearbeiten führten ihn in das Gebiet um den Brennerpass und die Tarntaler Berge sowie in das böhm.-mähr. Grenzgebiet. Als Ergebnis dieser Arbeiten gilt das Spezialkartenbl. Groß-Meseritsch (1897), später folgten auch Kartenbll. von Trebitsch-Kromau (1898–1901), St. Pölten (1901), Brünn (1906) und Drosendorf (1905–08). Infolge des Erdbebens in Laibach 1895 erkannte S. die Ableitung von Eigenschwingungsvorgängen unterschiedl. Bauten und deren Abhängigkeit von der Beschaffenheit des Untergrunds als Ursache für die Gebäudeeinstürze. Da die Längsachsen der Isoseismenellipsen zwar dem allg. Trend des Gebirgsstreichens folgten, jedoch keine deutl. Zusammenhänge mit tekton. Störungen zeigten, lehnte er die bisherige Auffassung der linearen Abbildung eines flächenhaften Erdbebenherdes durch eine Stoßlinie ab. 1897 untersuchte er die (hydro-)geolog. Ursachen für den Einbruch von Wassermassen im Grubenschacht des Braunkohlenreviers bei Dux (Duchcov). Später wirkte er als geolog. Sachverständiger in der staatl. Komm. zur Überprüfung der zum Schutze der Karlsbader Heilquellen gegen Bergbau und Kaolinbetrieb erlassenen behördl. Vorschriften. 1898 erhielt S. die Venia legendi für Geol., 1905 ao. Prof., 1908 besoldeter Extraordinarius. An der Univ. befasste er sich mit Geol. und Radioaktivität, mit Kristallisationskraft, mit vulkan. Erscheinungen, bes. aber mit der Frage der Hebungen und Senkungen von Festländern und Meeren. Ebenso blieb die Geol. des Grundgebirges sein ständiges Forschungsfeld. Seine 1912 erschienene Arbeit „Die moravischen Fenster und ihre Beziehung zum Grundgebirge des Hohen Gesenkes“ (Denkschriften Wien, math.-nat. Kl. 88), in der er die bis heute gebräuchl. Begriffe morav. und moldanub. prägte, gilt als Markstein in der tekton. Analyse. 1911 Ordinarius der Mineral. und Geol. an der dt. TH in Prag, wurde er noch im selben Jahr zum Ordinarius der Geol. an die Univ. Wien berufen; 1923/24 Dekan der phil. Fak. In Wien setzte er einerseits seine Forschungen zur Radioaktivität in ihren Beziehungen zu den Erdwiss. fort und entwickelte andererseits seine Anschauung der Intrusions- und Wandertektonik der böhm. Masse, die teils heftig und kontrovers diskutiert wurde. 1936 – im Jahr seiner Emer. – erforschte er die Bildung des Bimssteins von Köfels im Ötztal (Köfelsit). Seine Auffassung von der Entstehung und vom Aufbau von Kettengebirgen gipfelte in seinem Hauptwerk „Bausteine zu einem System der Tektogenese“ (3 Tle., 1937–39). S. engagierte sich 1907 für die Gründung der Geolog. Ges. in Wien (1912–13 Red. ihrer Mitt., 1928–29 Präs.), war u. a. ab 1911 k. M., ab 1915 w. M. der k. Akad. der Wiss. in Wien (1939 aufgrund seiner jüd. Großmutter als „Mischling zweiten Grades“ ausgeschlossen), ab 1925 Korrespondent der Geolog. Bundesanstalt in Wien und Dr. h. c. der Univ. Glasgow.

Weitere W.: s. Poggendorff 4.
L.: Österr. Hochschulztg., 1. 3. 1966, 1. 12. 1967; Almanach Wien 95, 1945, S. 319ff. (m. B.); Hdb. jüd. AutorInnen; Jb. der Wr. Ges.; Otto; Poggendorff 4 (m. W.), 5, 6; Wer ist’s?, 1935; J. Stiny, in: Mitt. der Geolog. Ges. in Wien 29, 1937, S. IIIf. (m. B.); L. Kölbl, ebd. 36–38, 1949, S. 267ff. (m. B.), 60, 1968, S. 5ff.; L. Waldmann, in: Jb. der Geolog. Bundesanstalt 96, 1953, S. 193ff.; H. Zapfe, Index Palaeontologicorum Austriae (= Cat. Fossilium Austriae 15), 1971; Z. Kukal, in: Abhh. der Geolog. Bundesanstalt 56/1, 1999, S. 45ff. (m. B.); B. Hubmann – J. Seidl, in: Jb. der Geolog. Bundesanstalt 151, 2011, S. 61ff. (m. B.); Geolog. Bundesanstalt, UA, WStLA, alle Wien.
(B. Hubmann – J. Seidl)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 63, 2012), S. 33f.
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