Suschitzky, Philipp (1875–um 1942), Buchhändler und Verleger

Suschitzky Philipp, Buchhändler und Verleger. Geb. Inzersdorf, NÖ (Wien), 14. 12. 1875; gest. KZ Auschwitz, Dt. Reich (PL), vermutl. 1942/43 (umgekommen); mos. Bruder von →Wilhelm S., Vater des Buchhändlers Joseph S. (geb. Wien, 25. 11. 1902; gest. London, GB, 14. 12. 1975), Schwiegervater des Zukunftsforschers Robert Jungk (1913–1994), Großvater des Schriftstellers Peter Stephan Jungk (geb. Santa Monica, Cal./USA, 19. 12. 1952); ab 1902 mit Olga S., geb. Hirschler (geb. Wien, 12. 7. 1882; gest. KZ Auschwitz, vermutl. 1942/43) verheiratet. – S. eröffnete nach einer Buchhandelslehre sowie einer mehrjährigen Tätigkeit als Buchhandelsgehilfe in Wien, Leipzig und Berlin 1901 gem. mit Wilhelm S. in Wien-Favoriten die erste Buch- und Antiquariatshandlung mit angeschlossener Leihbibl., die bald über die Bez.grenzen hinaus zu einem kulturellen Zentrum liberaler Kreise wurde. Der Gründung der Buchhandlung, der S. kurze Zeit später auch einen Verlag anschloss, gingen heftige Proteste seitens der Gewerbebehörden (kein Lokalbedarf und andere stark polit. motivierte Einwände) voraus. Ab ca. 1904/05 erschienen – noch unter dem Namen Verlag von Brüder Suschitzky – Bücher und Broschüren zu Sachthemen (z. B. Alkoholismusdebatte, Abstinentenbewegung) in enger Anlehnung an die Aufklärungs- und Bildungsziele der sozialdemokrat. Kulturbewegung. Ab 1908 wurde das Programm um Themen wie Pazifismus, Freidenkertum, Frauenbewegung, Sozial- und Sexualreformen erweitert. Zu den Autoren zählten u. a. →Josef Popper, →Rudolf Goldscheid, Wilhelm Börner und →Rosa Mayreder. Die Buchhandlung fungierte kurze Zeit als Wr. Geschäftsstelle des Monistenbunds, einer von Ernst Haeckel 1906 begründeten freigeistigen Bewegung, der S. und sein Bruder angehörten, sowie des Arbeiterabstinentenbunds. Ab 1908 erschienen im Verlag, der ab 1912 nach →Ludwig Anzengruber Anzengruber-Verlag, Brüder Suschitzky hieß, auch belletrist. Werke, u. a. von →Alfons Petzold, Johann Ferch und →Hans Kirchsteiger. Von 1917 bis vermutl. Kriegsende leistete S. als Schreiber im IR 49 seinen Kriegsdienst. Bereits 1911 war das Unternehmen im Zuge der von der Obrigkeit geführten „Schmutz- und Schundkampagne“ mehrfach in der Presse diffamiert worden. Ab 1920 musste sich S. als Geschäftsführer der Buchhandlung wegen des Vertriebs angebl. unsittl. und unzüchtiger Schriften mehrfach vor Gericht verantworten. Drei Tage nach dem „Anschluss“ Österr. an das Dt. Reich floh S. nach Frankreich. Das Unternehmen leiteten interimist. seine Frau Olga und seine Schwägerin Adele S., bis sich der ehemalige Angestellte Johann Heger um die „Arisierung“ des Unternehmens bemühte, die jedoch abgelehnt wurde. Als „jüdisch-marxistisch-pornographischer“ Betrieb erfolgte 1938 die Liquidierung und im Dezember 1941 die Löschung aus dem Firmenreg. S. und seine Frau wurden in Bordeaux aufgegriffen und im September 1942 nach Auschwitz deportiert.

L.: Hall–Renner; Hdb. jüd. AutorInnen; M. G. Hall, Österr. Verlagsgeschichte 1918–38, 1–2, 1985, s. Reg.; A. Lechner, Die Wr. Verlagsbuchhandlung „Anzengruber-Verlag, Brüder Suschitzky“ (1901–38) im Spiegel der Zeit, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 44, 1995, S. 187ff. (m. B.); M. Fischer, Erot. Literatur vor Gericht, 2003, S. 67ff.; DÖW, IKG, beide Wien.
(A. Lechner)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 63, 2012), S. 58
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