Suttner, Bertha (Sophia Felicita) Freifrau von; geb. Gfn. Kinsky v. Wchinitz (Chinic) und Tettau; Ps. Elisa Arnold, B. Oulot, Jemand (1843–1914), Schriftstellerin, Journalistin und Friedensaktivistin

Suttner Bertha (Sophia Felicita) Freifrau von, geb. Gfn. Kinsky v. Wchinitz (Chinic) und Tettau, Ps. Elisa Arnold, B. Oulot, Jemand, Schriftstellerin, Journalistin und Friedensaktivistin. Geb. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 9. 6. 1843; gest. Wien, 21. 6. 1914 (begraben: Urnenhain Gotha); röm.-kath. Tochter des kurz vor ihrer Geburt verstorbenen FML Franz Joseph Kinsky Gf. v. Wchinitz (Chinic) und Tettau (1769–1843) und von Sophie Wilhelmine, geb. v. Körner; ab 1876 mit →Arthur Gundaccar Frh. v. S. verheiratet. – S. wuchs in aristokrat. Umfeld in Brünn (Brno), später in Wien und Klosterneuburg auf. Neben luxuriösen Reisen in Kurorte und zu Spielstätten genoss sie französ., engl. und italien. Sprachunterricht durch Gouvernanten aus verschiedenen Ländern und erreichte durch die Lektüre belletrist. und wiss. Literatur einen hohen Bildungsgrad. Mehrere Verlobungen sowie eine Karriere als Sängerin scheiterten. 1872 wurde S. Gouvernante der vier Töchter von Karl Gundaccar Frh. v. S. d. Ä. (s. u. →Arthur Gundaccar Frh. v. S.) in Wien sowie auf dessen Landschloss Harmannsdorf in NÖ. Diese Stellung wurde aufgrund der Liebesbeziehung mit Arthur Gundaccar Frh. v. S. unhaltbar. S. nahm 1876 für wenige Tage die Tätigkeit als Sekr. bei Alfred Nobel in Paris an. Wenig später heiratete sie heiml. Arthur Gundaccar Frh. v. S. gegen den Willen seiner Eltern. Das Paar zog sich daraufhin für fast neun Jahre zu S.s Bekannten Ekaterina Dadiani, Fürstin von Mingrelien, nach Georgien zurück, wo es den russ.-türk. Krieg aus der Nähe erlebte. S. unterrichtete Musik sowie Sprachen und begann, Feuilletons, Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane zu schreiben, die in verschiedenen Ztg. und Z. erschienen. Im Kaukasus formte sich ihr tiefer Glaube an den Pazifismus. Nach der Aussöhnung mit der Familie kehrte das Ehepaar 1885 nach Harmannsdorf zurück, wo S. zum Broterwerb weiterhin Liebesromane verf., die von einer realist. Schreibweise geprägt und an vielen Stellen autobiograph. gefärbt sind. In polit. Essays wie „Das Maschinenzeitalter. Zukunftsvorlesungen über unsere Zeit“ unter dem Ps. Jemand (1889) schrieb sie gegen nationale und reaktionäre Sichtweisen. 1889 gelang ihr der Durchbruch mit dem Tendenzroman „Die Waffen nieder!“, wobei sie durch realist. Schilderung von Kriegsgreueln hitzige Debatten auslöste und erhebl. zur Popularisierung des Friedensgedankens beitrug. Der Roman wurde zu einem der größten Bucherfolge des 19. Jh., in zahlreichen Z. abgedruckt und in alle europ. Sprachen übers. Als nun prominente Persönlichkeit setzte sich S. für die Friedensbewegung ein. Ihre Forderung nach Kriegsverzicht sollte durch Schiedsgerichtsverträge, einen internationalen Gerichtshof und eine Friedensunion umgesetzt werden. Ihrem Aufruf zur Gründung einer Österr. Ges. der Friedensfreunde folgten 1891 2.000 Mitgl. Im selben Jahr trat S. bei der Konferenz der Interparlamentar. Union und beim 3. Internationalen Friedenskongress in Rom auf, wobei sie als erste Frau im großen Ratssaal auf dem Kapitol sprach und zur Vizepräs. des neu gegr. Internationalen Friedensbüros in Bern gewählt wurde. In enger Zusammenarbeit mit →Alfred Hermann Fried gab sie 1892–99 die Z. „Die Waffen nieder“ heraus. S., seither Galionsfigur des internationalen Pazifismus, beteiligte sich an der Bildung der dt. Friedensges. in Berlin 1892 sowie der ung. 1895 in Budapest, nahm an internationalen Friedenskongressen teil, wobei sie sich dort zumeist als einzige Frau unter Diplomaten, Militärs und Völkerrechtlern fand, und wurde von Staatsoberhäuptern, u. a. von Theodore Roosevelt, empfangen. Ihr Glaube an die Konstituierung eines internationalen Rechtsgefüges zur Verhinderung militär. Auseinandersetzungen erhielt 1894 insbes. neuen Ansporn durch das Friedensmanifest von Zar Nikolaus II., auf dessen Initiative hin 1899 die 1. Friedenskonferenz in Den Haag stattfand. Nach dem nie überwundenen Tod ihres Ehemannes 1902 wurde der Besitz in Harmannsdorf wegen Verschuldung zwangsversteigert, S. zog nach Wien. Einladungen führten sie mehrmals nach Monaco zu Fürst Albert I., auf Vortragsreisen in die USA (1904 und 1912), nach Dtld. (1905) und Skandinavien (1906), wo sie den von ihr angeregten und ihr 1905 zugesprochenen Friedensnobelpreis in Empfang nahm. 1912 gewährte ihr der Industrielle Andrew Carnegie eine Lebensrente.

Weitere W. (s. auch Kempf; Steffahn; Biedermann; Hamann; B. v. S. Eine Bibliographie, ed. G. Lindenstruth, 1993): Inventarium einer Seele, 1883; Daniela Dormes, 1886; High Life, 1886; Schriftsteller-Roman, 1888; Schach der Qual, 1898; Die Haager Friedenskonferenz, 1900; Gesammelte Schriften, 12 Bde., 1907; Memoiren, 1909; Rüstung und Überrüstung, 1909; Der Menschheit Hochgedanken, 1910; Die Barbarisierung der Luft, 1912; Der Kampf um die Vermeidung des Weltkrieges. Randglossen aus zwei Jahrzehnten zu den Zeitereignissen vor der Katastrophe, ed. A. H. Fried, 2 Bde., 1917; etc.
L.: Eisenberg 1; Kosel 1; Otto; Renner, Nachlässe; Kämpferin für den Frieden. B. v. S., ed. G. Brinker-Gabler, 1982; B. Kempf, B. v. S., 1987 (m. B. u. W.); Ch. Götz, Die Rebellin B. v. S. Botschaften für unsere Zeit, 1996; Ch. Gürtler – S. Schmid-Bortenschlager, Eigensinn und Widerstand. Schriftstellerinnen der Habsburgermonarchie, 1998, S. 93ff.; H. Steffahn, B. v. S., 1998 (m. B., W. u. L.); E. Biedermann, Chère Baronne et Amie – Chèr monsieur et ami. Der Briefwechsel zwischen A. Nobel und B. v. S., 2001 (m. B. u. W.); B. Hamann, B. v. S., 2002 (m. B., W. u. L.); „Gerade weil Sie eine Frau sind ...“. Erkundungen über B. v. S., ed. L. R. Cohen, 2005; M. Enichlmair, Abenteurerin B. v. S.: Die unbekannten Georgien-Jahre 1876 bis 1885, 2005; „Krieg ist der Mord auf Kommando“. Bürgerl. und anarchist. Friedenskonzepte. B. v. S. und P. Ramus, ed. B. Müller-Kampel, 2005; Friede – Fortschritt – Frauen. Friedensnobelpreisträgerin B. v. S. auf Schloss Harmannsdorf, 2007; H. Skorupa, Der Pazifismus der B. v. S., 2008; B. v. S.: „Die Waffen nieder!“, ed. J. G. Lughofer, 2010.
(J. G. Lughofer)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 63, 2012), S. 64f.
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