Szántó, Simon; Ps. Dr. Unbefangen, S. Pflüger, Jair ben Serach Ibn Karmi (1819–1882), Journalist und Lehrer

Szántó Simon, Ps. Dr. Unbefangen, S. Pflüger, Jair ben Serach Ibn Karmi, Journalist und Lehrer. Geb. Großkanizsa (Nagykanizsa, H), 23. 8. 1819; gest. Wien, 17. 1. 1882; mos. Sohn des Rabb. Meir S. (gest. 1831) und von Therese S., geb. Engel, Vater von →Emil Szanto; ab 1852 mit Katharina S., geb. Schlesinger (geb. Preßburg, Ungarn / Bratislava, SK, 27. 11. 1829; gest. Wien, 8. 6. 1909), verehel. – S., der aus einer alten ung. Rabb.familie stammte, genoss eine streng religiöse Erziehung, besuchte zunächst die Talmudschule in Lakompak (Lackenbach) und danach jene von →Aron Kornfeld in Goltsch-Jenikau (Golčův Jeníkov). Früh verwaist, konnte er nur unter großen persönl. Anstrengungen die Unterstufe des Gymn. in Prag besuchen und wechselte danach an das evang. Lyzeum in Preßburg. 1839–40 stud. er Phil. an der Univ. Prag, u. a. bei →Franz Serafin Exner, und absolv. theol. Stud. bei →Salomon Rapoport. 1844 erhielt er die Rabb.-Autorisation, 1845 übersiedelte er nach Wien, wo er 1846–48 einen Kommentar zum Pentateuch erarbeitete. Bereits vor der Revolution von 1848, in der er sich aktiv engagierte, hatte er vereinzelt in „Ost und West“, der „Bohemia“ und im „Jahrbuch für Israeliten“ publ., seine Artikelser. „Sturmpetition eines Pädagogen“ oder das Ged. „Des Juden Vaterland“ (1848) erschienen u. a. auch im „Oesterreichischen Central-Organ“ und in der „Wiener Zeitung“. Unter dem pressefeindl. neoabsolutist. Regime wandte er sich vorübergehend von der Journalistik ab und der Pädagogik zu. Gem. mit seinem Bruder Josef S. gründete er 1849 in der Leopoldstadt (Wien 2) die erste jüd. Haupt- und Unterrealschule, die später in eine Knaben- und Mädchenschule geteilt wurde. Die Leitung der Letzteren übernahm sein Bruder, während S., der auch Religionsunterricht erteilte, gem. mit seinem Schwager Adolf Josef Pick bis 1869 das Knabeninst. führte; 1861 erhielt er für die Einrichtung als erster jüd. Pädagoge das Öffentlichkeitsrecht. Weiters hielt S. ab 1866 Vorlesungen über den Talmud und über jüd. Literatur an der von →Adolf Jellinek eingerichteten Lehranstalt Beth-Hamidrasch. An dessen Seite trat er entschieden für Ideen zu einer innerjüd. Reform ein und kam dadurch wiederholt in Konflikt mit orthodoxen Ansichten. 1861 gründete er gem. mit →Leopold Kompert die Z. „Die Neuzeit“, die er nach dessen Ausscheiden mehr als zwei Jahrzehnte allein weiterführte und red. Dieses Bl. setzte sich für die jüd. Interessen ein und trat vehement gegen den religiösen Antisemitismus auf. 1865–68 fungierte er auch als Hrsg. des „Jahrbuchs für Israeliten“. S. gehörte 1869 bzw. 1871 der österr. Delegation zur Leipziger bzw. Augsburger Reformsynode an. Seine Arbeiten und Feuilletons zu verschiedenen jüd., phil., psycholog. und populärwiss. Themen erschienen, oft unter Chiffren oder Ps., u. a. in der „Tages-Presse“, der „Neuen Freien Presse“, der „Presse“ und im „Neuen Wiener Tagblatt“. Viele seiner in der „Neuzeit“ veröff. Beitrr., bes. über religiöse, kirchenpolit. und kulturhist. Themen, fanden großen Anklang und wurden z. Tl. mehrmals abgedruckt. Ab 1871 war er Mitgl. des Journalisten- und Schriftsteller-Ver. „Concordia“.

Weitere W. (s. auch Wurzbach; Lippe): Musterungen zur Charakteristik der Erzieherwelt, in: Jb. für Israeliten, NF 4, 1857/58; Fahrende Juden, ebd., NF 7, 1860/61; Enthüllungen und Streiflichter, ebd., NF 8, 1861/62; Staat und Synagoge in Österr., ebd., NF 9, 1862/63; etc. – Hrsg.: Wr. Kal., 1866–68.
L.: NFP, 17. 1. 1882; Die Presse, 21. 1. 1882; Allg. Ztg. es Judentums, 7. 2. 1882; Enc. Jud.; Hdb. jüd. AutorInnen; Jew. Enc.; M. Zsidó Lex.; Universal Jew. Enc.; Wininger; Wurzbach (m. tw. W.); Ch. D. Lippe’s bibliograph. Lex. der gesammten jüd. Literatur …, 1881 (m. tw. W.); Die Neuzeit 22, 1882, S. 25ff.; J. Toury, Die Jüd. Presse im Österr. Kaiserreich, 1983, s. Reg.; R. S. Wistrich, The Jews of Vienna in the Age of Franz Joseph, 1989, S. 120f., 239; P. Landesmann, Rabb. aus Wien, 1997, s. Reg.; H. Tietze, Die Juden Wiens, 2. Aufl. 2008, s. Reg.; IKG, Wien.
(Th. Venus)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 63, 2012), S. 115
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