Tandler, Julius (1869–1936), Anatom und Politiker

Tandler Julius, Anatom und Politiker. Geb. Iglau, Mähren (Jihlava, CZ), 16. 2. 1869; gest. Moskau, UdSSR (Moskva, RUS), 25. 8. 1936 (ab 1950 begraben: Feuerhalle Simmering, Urnenhain); mos., 1899 Austritt aus der IKG. Sohn des niederen Beamten Moritz T.; ab 1900 verheiratet mit Olga T., geb. Klauber (gest. 2. 2. 1948). – T. kam als Kind nach Wien, besuchte dort das Gymn. und stud. ab 1889 Med. an der Univ. Wien; 1895 Dr. med., erhielt er eine Ass.stelle bei dem bekannten Anatomen Emil Zuckerkandl. 1899 habil. sich T. für Anatomie, wurde 1910 o. Prof. an der Univ. Wien und Vorstand der 1. anatom. Lehrkanzel; 1914–17 Dekan der med. Fak. Forschungen u. a. über das Herz und die Prostatahypertrophie prägten seine frühen Schaffensjahre. Wichtig für sein wiss.-anatom. Arbeiten war die stete Verbindung zur Klinik und damit letztl. zum Patienten. Sein bes. Interesse galt der Konstitutionsforschung, in deren Zusammenhang er ein Gerät zur Messung des Spannungszustands der Muskeln (Muskeltonus) entwickelte. 1913 gründete er die „Zeitschrift für angewandte Anatomie und Konstitutionslehre“, die er bis 1934 hrsg. Sein vierbändiges Hauptwerk „Lehrbuch der systematischen Anatomie“ (1918–29) war bis nach dem 2. Weltkrieg das bedeutendste einschlägige Lehrbuch im dt.sprachigen Raum. Sozialpolit. motiviert sowie durch die Ereignisse des 1. Weltkriegs geprägt, wirkte T., der der Sozialdemokrat. Arbeiterpartei angehörte, 1919–20 als Unterstaatssekr. im Volksgesundheitsamt unter →Ferdinand Hanusch. Er nahm Einfluss auf die Schaffung der Sozialgesetze, bes. 1920 auf das Krankenanstaltengesetz, das in den Grundzügen noch heute gilt. Bereits 1919 wurde er in den Wr. Gmd.rat gewählt und wirkte nach dem Ausscheiden aus der Regierung als Amtsführender Stadtrat für das Wohlfahrtswesen. Auf ihn geht der Paradigmenwechsel vom alten Wohltätigkeitssystem zur modernen Fürsorge zurück. Er gilt als der Schöpfer des geschlossenen Systems der Fürsorge. Diese wurde allumfassend betrachtet, von der Eheberatung (in den Bereich „Ehe- und Bevölkerungspolitik“ fällt auch die verunglückte Formulierung vom „lebensunwerten Leben“ von 1923) über die Jugendfürsorge mit Kindergärten, Mutterberatungsstellen, Schulzahnkliniken bis zu dem von vielen österr. Gmd. ebenfalls übernommenen Säuglingswäschepaket (1927). Herausragend war auch die Gründung der Kinderübernahmestelle der Gmd. Wien (1925), an der die Psychologin Charlotte Bühler wirkte. Ebenso forcierte T. den Ausbau des Krankenhauswesens, u. a. im Krankenhaus Lainz mit dem Tuberkulosepavillon (1930), der Abt. für Stoffwechselerkrankungen (1930) und der modernen Radium-Strahlentherapie (1931). Bereits 1924 hatte er dort die Krankenpflegeschule gegr. T. veranlasste die Errichtung von Volksbädern und Sportplätzen, darunter 1931 das Wr. Praterstadion (heute Ernst-Happel-Stadion). Im Zuge der Februarereignisse 1934 wurde T. an der Univ. Wien zwangspensioniert und verlor sein polit. Amt. Schon 1933 bereiste er China und wurde später nach Moskau berufen, wo er an der Reform des sowjet. Gesundheitswesens mitarbeitete.

Weitere W.: s. Fischer; Hdb. der Emigration; Kreuter; Stober. – Nachlass: Inst. für Geschichte der Med. der Univ. Wien.
L.: WZ, 27. 8. 1936; NFP, 8. 9. 1936; Czeike; Fischer (m. W.); Hdb. der Emigration 1 (m. W.); Jb. der Wr. Ges.; Kreuter (m. W. u. L.); NDB (m. L.); NÖB 22, 1987, S. 72ff. (m. B.); Wininger; Das neue Wien. Städtewerk 2, 1927, S. 337ff.; A. Goetzl – R. A. Reynolds, J. T. A Biography, 1944; L. Schönbauer, in: WKW 58, 1946, S. 605f. (m. B.); A. Gisel, in: Werk und Widerhall …, ed. N. Leser, 1964, S. 409ff.; M. Stober, Personalbibliographien … Anatomie … Univ. Wien … 1845–1969, med. Diss. Erlangen-Nürnberg, 1971, S. 85ff. (m. W.); K. Sablik, J. T. Mediziner und Sozialreformer, 1983 (m. B.), 2. Aufl. 2010; ders., in: Wr. Geschichtsbll. 39, 1984, S. 29ff.; D. Angetter, in: WKW 111, 1999, S. 768ff.; M. Löscher, in: Wiss. und Forschung in Österr., ed. G. Heindl, 2000, S. 89ff.; K. H. Tragl, Chronik der Wr. Krankenanstalten, 2007, s. Reg.; IKG, UA, beide Wien.
(K. Sablik)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 64, 2013), S. 194f.
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