Tarnowski, Adam Gf. (1866–1946), Politiker und Diplomat

Tarnowski Adam Gf., Politiker und Diplomat. Geb. Krakau, Galizien (Kraków, PL), 4. 3. 1866; gest. Lausanne (CH), 10. 10. 1946. Sohn von Jan Dzierżysław Gf. T. (s. u. →Jan Felix Amor Gf. T.). – Ab 1889 in der Statthalterei Lemberg tätig, trat T. im November 1896 ins Min. des k. Hauses und des Äußern ein und legte im Mai 1897 die Diplomatenprüfung ab. Es folgten Verwendungen an den Botschaften bzw. Gesandtschaften in Konstantinopel/İstanbul (1897–99), Athen (1898), Washington D. C. (1899–1901), Paris (1901–03), Dresden (1903–05), Brüssel (1905–07), Madrid (1907–09) und London (1909–11). 1911–16 war T. Gesandter in Bulgarien, dessen Bedeutung für die Monarchie mit dem Kriegseintritt an der Seite der Mittelmächte Mitte Oktober 1915 wesentl. gestiegen war. T. gelang es, bei den Verhh. zwischen Bulgarien und der Türkei bzw. den Mittelmächten im Oktober 1915 auf die bulgar. Politiker im österr.-ung. Sinne ausschlaggebenden Einfluss zu nehmen, wofür ihm im November 1915 Allerhöchste Anerkennung zuteil wurde. Anfang November 1916 zum Botschafter in den USA und Geh. Rat ernannt – es war die letzte Ernennung eines Botschafters durch K. →Franz Joseph I. –, hätte T.s Aufgabe darin bestehen sollen, die angeschlagenen Beziehungen zu den USA zu verbessern und diese vom Kriegseintritt an der Seite der Alliierten abzuhalten. Sein Eintreffen in New York Ende Jänner 1917 fiel mit der Verkündung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs durch das Dt. Reich Anfang Februar 1917 zusammen, wodurch seine Mission zum Scheitern verurteilt war. T. konnte noch Außenminister Robert Lansing einen Antrittsbesuch abstatten, wurde jedoch nach dem Abbruch der diplomat. Beziehungen zum Dt. Reich durch die USA von US-Präs. Woodrow Wilson nicht mehr zur Überreichung des Beglaubigungsschreibens empfangen. Nach der Kriegserklärung der USA an das Dt. Reich brach Österr.-Ungarn Anfang April die diplomat. Beziehungen zu den USA ab; die Mission T.s, der zunächst noch als „Privatmann“ in Washington verblieb, war damit zu Ende. Er verließ mit 152 Personen, darunter Diplomaten und Konsuln, Anfang Mai 1917 New York. Eine im Juli 1917 durch K. →Karl I. genehmigte vertretungsweise Entsendung T.s als Gesandter nach Stockholm wurde im August 1917 wieder sistiert. Danach war er in Bemühungen zur Schaffung eines Regentschaftsrats in dem von Truppen der Mittelmächte besetzten Kg.reich Polen involviert, seine Bestellung zum Premierminister scheiterte am Widerstand Dtld. T. wurde im Juli 1918 beurlaubt und Ende Dezember 1918 in den zeitl. Ruhestand versetzt. Nach dem 1. Weltkrieg übte er kein öff. Amt mehr aus. Er wurde vielfach ausgez., u. a. Komtur des Franz Joseph-Ordens mit Stern (1910), Großkreuz des Franz Joseph-Ordens (1913).

L.: NFP, 19., 30. 11. 1915; RP, 11. 11. 1916; Wer ist’s?, 1906, 1908; L. Mikoletzky, in: Polen im alten Österr., ed. W. Leitsch – S. Trawkowski, 1993, S. 94f.; Leks. historii Polski, ed. M. Czajka u. a., 1995; R. Agstner, Austria(-Hungary) and its Consulates in the United States of America since 1820, 2012, S. 106ff.; HHStA, Wien.
(R. Agstner)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 64, 2013), S. 203
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