Tauber, Josef Samuel (Sami) (1822–1879), Schriftsteller und Journalist

Tauber Josef Samuel (Sami), Schriftsteller und Journalist. Geb. Wien, 12. 8. 1822; gest. ebd., 9. 1. 1879; mos. Aus wohlhabendem Haus. Sohn von Jonas T. und Josefine T., geb. Teltscher, aus Leipnik (Lipník nad Bečvou), Schwager von →Ludwig August v. Frankl-Hochwart, dessen Israelit. Blindeninst. er unterstützte; ab 1849 verehel. mit Louise Hönigsberg. – T. wurde religiös erzogen und sollte ursprüngl. Rabb. werden; nach dem Tod des Vaters brach er diese Ausbildung jedoch ab. 1841–47 unternahm er ausgedehnte Reisen durch Europa, bes. nach Frankreich, wo er an der Pariser Sorbonne Vorlesungen hörte, und Italien; die dabei gewonnenen Eindrücke verarbeitete er 1847 in seinem Bd. „Gedichte“. Die romant.-liedhaften Züge und einzelne Texte daraus nahm er 1863 in „Für Musik. Lieder, Romanzen und Chöre“ wieder auf, ebenso polit. Lieder („Rheinlied“, „Wachtposten-Lied“). In „Quinten. Kleine Gedichte“, 1864 (2. vermehrte Aufl. 1869), setzte er die „Gnomen“ der ersten Smlg. fort und erweiterte diese zu Sprüchen über Glaube, Leben, Liebe und Kunst. 1853 nahm T. die von →Leopold Kompert initiierte Gattung der Ghettogeschichte auf („Die letzten Juden“, 2 Tle., 1853, 2. Aufl. 1859), in der er Ethnographie und romant. literar. Formen (Traumallegorie, Märchen) erzähler. verband; 1896 wurden die beiden Erz. „Der Traum ein Leben“ und „Die Raben“ in Prag neu aufgelegt. In seiner Spruchdichtung bekannte sich T. zu einer überkonfessionellen Ethik im Sinne Lessings („Sei Mensch als Jude, Mensch als Christ“), war skept. gegenüber menschl. Erkenntnis, oft witzig und iron. auf knappstem Raum. Der Ged.bd. „Die Lust zu fabuliren“ (1878), nach Jahreszeiten angeordnet, lehnte sich formal wie inhaltl. an Goethe und →Franz Grillparzer an. In seinen Arbeiten finden sich motiv. Anklänge an Nikolaus Lenau (→Nikolaus Franz Niembsch v. Strehlenau) und die Romantik, aber auch überkonfessionelle Gebete und „Maurerlieder“. Weiters übers. T., der sich vehement für die jüd. Reformbewegung einsetzte, in den 1860er-Jahren jüd. liturg. Texte ins Dt. Er beteiligte sich aktiv am Revolutionsgeschehen von 1848 (so textierte er gem. mit →Salomon Sulzer Revolutionsgesänge und unterzeichnete das „Manifest der Schriftsteller Wiens“) und unterhielt rege Kontakte zu Heinrich Heine, Giacomo Meyerbeer und Grillparzer, denen er Ged. widmete. Daneben betätigte er sich als Journalist für verschiedene Ztg. und Z., u. a. für „Die Presse“ und die „Sonntags-Blätter“, 1853 wurde er Sekr. des Journals „Der Wiener Lloyd“, 1859 Gründungsmitgl. des Journalisten- und Schriftstellerver. „Concordia“.

L.: NFP, WZ (A.), 10. 1. 1879; ADB; Nagl–Zeidler–Castle 3, s. Reg.; Stern–Ehrlich, S. 53f.; Wininger; Wurzbach; J. A. v. Helfert, Der Wr. Parnaß im Jahre 1848, 1882, s. Reg. (Nachdruck 1977); Kantor S. Sulzer und seine Zeit, ed. H. Avenary, 1985, s. Reg.; G. v. Glasenapp, Aus der Judengasse, 1996, S. 103ff., 121ff.; Metzler Lex. der dt.-jüd. Literatur, ed. A. B. Kilcher, 2000; F. Bernd, Die Familien Hönig, Henikstein, Hönigsberg … in genealog. und hist. Betrachtungsweise, phil. DA Wien, 2002, S. 70; G. v. Glasenapp – H. O. Horch, Ghettoliteratur 1–2, 2005, s. Reg.
(H. Lengauer)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 64, 2013), S. 208
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