Teschner, Richard Heinrich (1879–1948), Kunstgewerbler, Graphiker, Bildhauer und Maler

Teschner Richard Heinrich, Kunstgewerbler, Graphiker, Bildhauer und Maler. Geb. Karlsbad, Böhmen (Karlovy Vary, CZ), 22. 3. 1879; gest. Wien, 4. 7. 1948 (Ehrengrab: Wr. Zentralfriedhof); evang. AB. Sohn des Lithographen Karl T.; ab 1911 verehel. mit Emma T. (geb. 27. 11. 1867; gest. 25. 6. 1953), der Witwe des Juweliers und Besitzers der Galerie Miethke Paul Bacher bzw. Tochter von →Friedrich Georg Paulick. – 1884 übersiedelte die Familie nach Leitmeritz (Litoměřice). T. stud. 1896–99 an der Prager ABK bei →Wenzel Brožík und setzte seine Ausbildung, nach einem gescheiterten Aufnahmeversuch an der Wr. ABK, 1900–01 bei →Karl Karger an der Wr. Kunstgewerbeschule fort. Nach kurzem Aufenthalt in Leitmeritz übersiedelte er 1902 nach Prag, wo er in seinem Kleinseitner Atelier Kontakt zum Kreis um →Gustav Meyrink, Max Brod und →Paul Leppin pflegte und 1903 erste Ausst.erfolge verbuchen konnte. Daneben zeichnete T. für den künstler. Tl. der gem. mit Leppin ab 1906 hrsg. Z. „Wir“ verantwortl. Die Beschäftigung mit dem Marionettentheater brachte Kontakte zum Puppenspieler Paul Brann sowie zum späteren Max-Reinhardt-Mitarb. Emil Geyer und führte zur Beteiligung an der 2. Kunstausst. dt.-böhm. Künstler in Karlsbad (1906) mit der plast. Figurengruppe Brautzug sowie an der Kunstausst. des Ver. der dt. bildenden Künstler in Prag (1907) mit Marionetten im Biedermeierstil. Neben der Beteiligung an der Wr. Kunstschau schuf er 1908 die Ausstattung für die Prager Erstauff. von Debussys „Pelléas et Mélisande“ am Dt. Theater. Gem. mit dem Bildhauer Karl Wilfert d. J. gründete er in Prag eine private Kunstschule, an der er Graphik lehrte. Nachdem T. bereits 1907/08 auf Einladung Meyrinks wegen der Herstellung eines Figurentheaters mit der Wr. Werkstätte in Kontakt getreten war, schuf er für diese ab 1909 Bühnenbilder, Kleinplastiken und Graphik, u. a. in enger Zusammenarbeit mit →Otto Prutscher, und übersiedelte endgültig nach Wien. Seine Heirat verstärkte nicht nur die persönl. Verbindungen mit der Künstlergruppe um →Gustav Klimt, die sich u. a. in gem. Sommeraufenthalten am Attersee spiegelten, sondern sicherte T. auch die finanzielle Unabhängigkeit. Auf der Hochzeitsreise nach Italien und in die Niederlande erwarb er javan. Wayang-Figuren, die den Grundstein zu seinem berühmten Puppentheater, dem ab 1912 zunächst nur in Privatauff. bespielten „Goldenen Schrein“, bildeten. 1920 fanden die ersten öff. Auff. im Rahmen von T.s Sonderausst. im Mus. für Kunst und Ind. statt, ab 1925 im Gersthofer Atelier. Nach Filmprojekten mit der UFA brachte T. 1932 unter dem Namen „Figurenspiegel“ eine international beachtete Neuerung in Form einer kreisrunden, mit einem Hohlspiegel versehenen Bühnenöffnung. Ein Gastspiel in London anlässl. der National Austrian Exhibition 1934 wurde sogar von Mitgl. des brit. Kg.hauses besucht. Nachdem T.s Arbeiten, insbes. der „Goldene Schrein“, bereits 1936 auf der Internationalen Ausst. für Theatertechnik in der Wr. Hofburg präsentiert worden waren, erfolgte 1940 der Ankauf der Bühne durch die Theatersmlg. der Nationalbibl. Bis zu Emma T.s Tod wurden die Auff. des Figurenspiegels fortgesetzt. T.s Œuvre umfasst eine enorme Vielfalt an Kunstgattungen und Techniken (er erfand mit der sog. Handtonätzung ein eigenes drucktechn. Verfahren) und reicht von der Gebrauchsgraphik (Plakate, Exlibris etc.) über Kleinplastik (inkl. Marionetten), Gobelin- und kunstgewerbl. Entwürfe bis zur großformatigen Malerei und Mosaikkunst sowie zu Innenausstattungen. Stilist. schloss sich T. eng an die Produktion der Künstler der Wr. Werkstätte an. Als „Zauberer von Gersthof“ gelangte er mit seinem außergewöhnl. Puppentheater, das als reine Pantomime nur von Musik und Klängen begleitet wurde, zu Weltruhm. Die von T. gebauten Puppen waren von einer bis dato unbekannten Bewegungsvielfalt geprägt, die große gestische Emotionalität in der Darstellung ermöglichte. Die Besonderheit seines Puppentheaters unterstrich nicht zuletzt die neue Form der kreisrunden Bühnenöffnung des Figurenspiegels. Durch chem. Reaktionen, bes. Lichteffekte und diverse Projektionen erreichte T. bemerkenswerte Verwandlungen seiner Bühnenbilder und Szenerien, die neben den oft Sagen (anfangs aus dem ostasiat., bald schon dem mitteleurop. Kulturkreis) entnommenen Inhalten der selbst verf. Stücke zur zauberhaft-phantasievollen Stimmung der Auff. beitrugen. T. war ab 1912 Mitgl. des Kuratoriums der Modernen Galerie in Prag, 1913–14 Mitgl. des Bundes österr. Künstler und 1924–41 Mitgl. der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus). Neben zahlreichen Medaillen und Preisen erhielt er 1926 den Großen Kunstpreis der Stadt Wien und wurde in den Beirat der staatl. Kunstsmlgg. berufen. 1927 Prof.titel, die gleichzeitige Berufung an die Prager ABK lehnte er ab.

Weitere W.: s. Thieme–Becker; Mayerhöfer. – Nachlass: Österr. Theatermus., Wien.
L.: Die Presse, 22. 3. 1949, 19. 3. 1955; WZ, 3. 3. 1957; Czeike (m. B.); Egerländer Biograf. Lex. (m. B.); Fuchs, 19. Jh.; Jb. der Wr. Ges.; Thieme–Becker (m. W.); Vollmer; R. T. und sein Figurenspiegel, ed. F. Hadamowsky, 1956; R. T. (1879–1948) …, ed. J. Mayerhöfer, 1970 (m. B., W. u. L.); J. Weißenböck, in: Parnass 4, 1984, H. 3, S. 50ff. (m. B.); Le arti a Vienna, Venezia 1985, S. 583 (Kat.); Inselräume. T., Klimt & Flöge am Attersee, Seewalchen a. A., Neuaufl. 1989 (Kat.); W. J. Schweiger, Meisterwerke der Wr. Werkstätte, 1990, S. 125; Der Figurenspiegel. R. T., Wien 1991 (Kat.); M. Neuwirth, in: Die ungewisse Hoffnung …, ed. Ch. Bertsch – ders., 1993, S. 218ff.; J. Kroutvor, in: Lücken in der Geschichte 1890–1938 …, Praha 1994, S. 85ff. (Kat.); K. Behrendt, in: Theaterwelt – Welttheater, Reichenau an der Rax 2003, S. 46ff. (Kat.); G. Klimt und die Kunstschau 1908, ed. A. Husslein-Arco – A. Weidinger, Wien 2008, S. 261, 551 (Kat.); A. Sixt, in: Konservierungswiss. und Restaurierung heute, ed. G. Krist – M. Griesser-Stermscheg, 2010, S. 165ff.; Die Bühnen des R. T., ed. K. Ifkovits, Wien 2013 (Kat.).
(R. Kurdiovsky)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 257ff.
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