Teweles, Heinrich (1856–1927), Journalist, Schriftsteller und Theaterdirektor

Teweles Heinrich, Journalist, Schriftsteller und Theaterdirektor. Geb. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 13. 11. 1856; gest. Prein an der Rax (NÖ), 9. 8. 1927 (begraben: Wien); mos. Sohn des Händlers Moritz T. (geb. 1821; gest. 16. 11. 1898) und von Rebekka T., geb. Wahle (gest. 18. 12. 1875); ab 1910 verehel. mit Charlotte T., geb. Brüll (Brück), verwitwete Bondy. – Nach Besuch des Gymn. begann T. 1874 rechtswiss. Stud. an der Univ. Prag, wandte sich jedoch 1876 dem Journalismus zu und wurde Mitarb. des „Tagesboten aus Böhmen“. T., ein Verfechter des Prager Dt.tums, pflegte enge Kontakte mit Josef Walter, Josef Willomitzer, →Oskar Karl Teuber, →Hermann Katz, →Fritz Mauthner, →Friedrich Adler sowie →Alfred Klaar und verkehrte mit Hermann Bachmann, →Emil Kuh sowie →David Kuh. In der Tagesztg. „Bohemia“ veröff. er ab 1883 „Linguistische Plaudereien“, in denen er sich mit verschiedenen Phänomenen der Sprache und mit Stilsünden beschäftigte (eine Auswahl erschien 1884 unter dem Titel „Der Kampf um die Sprache“). In seiner 1886 veröff. Broschüre „Presse und Staat“ sprach er sich für die Beseitigung aller gesetzl. Einschränkungen sowie für eine freie, unabhängige und starke Presse aus. 1887–1900 wirkte T. unter der Dion. →Angelo Neumanns – zunächst als Dramaturg – am Dt. Landestheater in Prag. Seit Mitte der 1890er-Jahre befreundet mit →Theodor Herzl, mit dem er in regem Briefverkehr stand, brachte er dessen Stück „Das neue Ghetto“ in Prag zur Auff. Daneben verf. er zahlreiche Beitrr. für die „Bohemia“ sowie Novellen, Lustspiele und Dramen. Im Herbst 1900 übernahm T. die Chefred. des „Prager Tagblatts“, das er bis Ende 1910 leitete. Nach der Abschaffung des Zeitungsstempels, den T. schon 1886 in seiner Broschüre bekämpft hatte, startete die Ztg. sofort eine zweite (Abend-)Ausg. Gem. mit Karl Tschuppik modernisierte er das Bl. formal, sodass es sich von einem Lokal- zu einem Nachrichtenbl. mit stärkerem Schwerpunkt auf polit. und internationaler Berichterstattung wandelte. Dadurch gelang es, die „Bohemia“ als bis dahin führende dt.sprachige Tagesztg. Böhmens abzulösen und dem „Prager Tagblatt“ ein über Böhmen hinausreichendes Ansehen zu verschaffen. Im Jänner 1911 wurde T. zunächst interimist., im November 1911 formell zum Leiter des Neuen Dt. Theaters in Prag bestellt, das er bis 1918 führte. Unter seiner Ägide wurde die Moderne verstärkt gepflegt, er erneuerte aber auch das klass. Repertoire auf gehobenem Niveau. Für die Opernbühne konnte er u. a. Alexander v. Zemlinsky, Otto Klemperer und Erich Kleiber als Dirigenten gewinnen. Auch →Gustav Mahler und Anton v. Webern wirkten dort unter seiner Intendanz. Nach Übergabe der Leitung an →Leopold Kramer Ende Oktober 1918 nahm T. seine journalist. Tätigkeit wieder auf und schrieb regelmäßig Feuilletons und Kritiken in der „Bohemia“ sowie „Prager Briefe“ für die „Neue Freie Presse“. Seine 1925 erschienene Stud. „Goethe und die Juden“, die auf einer sorgfältigen, jahrelangen Analyse der Goethe’schen Werke basierte, kann als Stellungnahme gegen den heraufziehenden Antisemitismus verstanden werden. T., der nach 1918 in Österr. lebte, war mehrere Jahre lang Obmann des Ver. dt. Journalisten in Böhmen und Obmann der Prager Journalistenvereinigung „Concordia“.

Weitere W.: Die Schauspielerin, 1881; Die Armen, 1885; Mein Papa, 1893; Volksfreund, 1898; Der Roman Goethes, 1918; Erinnerungen an J. Willomitzer, 1922; Goethes erstes Mädchen, 1922; Die Kette, 1923; Theater und Publikum. Erinnerungen und Erfahrungen, 1927; etc. – Ed.: Prager Dichterbuch, 1894.
L.: Prager Tagbl., 21. 12. 1910, 10., 11. 8. 1927; Bohemia, 10., NFP, 10., WZ, 11. 8. 1927; Jew. Enc.; Jüd. Lex.; Kosch, Theaterlex.; Nagl–Zeidler–Castle, s. Reg.; Universal Jew. Enc.; Wer ist’s?, 1908; Wininger; H. Tramer, in: Publications of the Leo Baeck Inst. Year Book 9, 1964, S. 308f.; E. E. Kisch, Gesammelte Werke 8, ed. B. Uhse – G. Kisch, 1983, S. 74ff., 103f.; J. Ludvová, Až k hořkému konci. Pražské německé divadlo 1845–1945, 2012, s. Reg.; Národní archiv, Praha, CZ.
(Th. Venus)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 273f.
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