Thalberg, Sigismund (Fortuné François) (1812–1871), Pianist und Komponist

Thalberg Sigismund (Fortuné François), Pianist und Komponist. Geb. Pâquis (Genève-Bains des Pâquis, CH), 8. 1. 1812; gest. Posillipo (Napoli, I), 27. 4. 1871. Sohn von Joseph T. und Fortunée Stein (urkundl.; vermutl. jedoch illegitimer Sohn von →Franz Josef Fürst Dietrichstein zu Nikolsburg, Gf. zu Proskau und Leslie und Baronin Wetzlar, einer begabten Amateurpianistin); ab 1844 mit Francesca, der Witwe des Malers François Boucher und Tochter des Opernsängers Luigi Lablache, verheiratet. – T. zog 1822 nach Wien, wo er Klavierunterricht beim Ersten Fagottisten der Hofoper, August Mittag, erhielt und das polytechn. Inst. besucht haben soll (nicht nachweisbar). In weiterer Folge stud. er bei →Simon Sechter (Theorie) und →Johann Nep. Hummel (Klavier). 1826 trat er erstmals, zunächst in Wr. Privatzirkeln, als Pianist auf. 1830 führte ihn die erste Auslandstournee nach Dtld. und England, anschließend in andere europ. Länder. Nach weiteren Stud. bei →Ignaz (Isaak) Moscheles sowie bei Johann Peter Pixis und Friedrich Kalkbrenner feierte er ab 1836 große Erfolge in Paris und triumphierte 1837–48 auf Konzerttourneen in ganz Europa. 1855 reiste er nach Nord- und Südamerika, wo er u. a. in New York eine Klavierschule gründete und in Brasilien sowie auf Kuba konzertierte. 1858 kaufte er eine Villa in Posillipo bei Neapel, in der er die nächsten Jahre zurückgezogen lebte. Nach Wiederaufnahme seiner Tourneen 1862 (London und Paris) ging er 1863 abermals nach Brasilien, danach schied er aus dem Konzertleben aus. Einem Brief Felix Mendelssohn-Bartholdys zufolge galt T. bis zur Jh.mitte neben →Franz v. Liszt als größter Klaviervirtuose seiner Zeit. 1837 kam es zu einem öff. Disput zwischen den beiden Musikern, wobei zwei unterschiedl. Musikanschauungen aufeinandertrafen: Die intellektuelle Öffentlichkeit sah Liszt als Romantiker, während der von seinem Auftreten her aristokrat. T. eher für ein klassizist. Musikideal stand. Auch die Qualität der Kompositionen beider wurde konträr beurteilt. Liszt bezeichnete T.s Werke in der „Revue et gazette musicale de Paris“ als eine Mischung aus Monotonie und Unvermögen. Die so aufgeschaukelte Rivalität kulminierte, als beide Musiker an einem von Fürstin Cristina Trivulzio di Belgiojoso veranstalteten Benefizkonzert mitwirkten; zudem beteiligten sich beide, wie auch Frédéric Chopin und →Carl Czerny, an einer Kollektivkomposition für die Fürstin. T.s umfangreiches eigenes Werk entspricht den Anforderungen eines Virtuosen-Komponisten, weshalb Fantasien und Variationen über Themen bekannter Opern dessen größten Tl. ausmachen. Der kompositor. Einfallsreichtum trat hierbei hinter den auf Effekt zielenden Einsatz neuer Kompositionstechniken zurück. T.s Personalstil kennzeichneten v. a. das Hervortreten der auf beide Hände verteilten Melodie in der Mittellage, während diese u. a. von Arpeggien, Doppeltrillern, Terzen- und Sextenketten umspielt wird. Wie er in der Einleitung zu seiner Smlg. „L’Art du chant appliqué au piano“ festhielt, beabsichtigte T. als Interpret, das Publikum nicht durch Virtuosität, sondern durch den kantablen Ton und das Vermeiden alles Mechan. bei gleichzeitiger exakter Umsetzung des Notentexts einzunehmen.

Weitere W. (s. auch Grove; MGG; Wurzbach): Opern: Florinda (Urauff. 1851 London), Cristina di Svezia (Urauff. 1855 Wien); Klavierkonzert; zahlreiche Fantasien über Opernthemen, Etüden, Capricen, Nocturnes u. a. Klavierstücke, Lieder.
L.: Grove, 2001 (m. B. u. W.); MGG II (m. W. u. L.); oeml; Riemann, 12. Aufl.; Wurzbach (m. W. u. L.); E. Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien 1, 1869, s. Reg.; Centro Studi Internazionale S. T. (online, m. B., Zugriff 25. 7. 2013).
(R. Wiesinger)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 277
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