Thaler, Andreas (1883–1939), Politiker und Landwirt

Thaler Andreas, Politiker und Landwirt. Geb. Oberau (Tirol), 10. 9. 1883; gest. Dreizehnlinden (Treze Tílias, BR), 28. 6. 1939 (ertrunken); röm.-kath. Sohn eines Bauern; ab 1914 verehel. mit der Bauerntochter Gisela T., geb. Thaler, mit der er 14 Kinder hatte. – Nach Schuljahren im Salzburger Borromäum (1896–98) wechselte er 1898 auf das Franziskanergymn. nach Hall in Tirol, welches er 1899 abbrach. Danach arbeitete T. als Knecht auf verschiedenen Betrieben in der Wildschönau und erwarb 1910 das „Borstadelgut“ bei Oberau; 1914–19 Bgm. von Wildschönau und 1919–27 Abg. zum Tiroler LT. Als erster Obmann des 1919 gegr. Tiroler Antisemitenbunds blieb T. ein Vertreter des radikalen Flügels des Tiroler Bauernbunds, zu dessen Mitgl. er spätestens ab 1919 zählte. I. d. F. engagierte sich T. ab 1920 in der Tiroler Heimwehr. 1924–27 fungierte er als Präs. des Tiroler Landeskulturrats. 1926 wurde er als Landwirtschaftsminister in die Bundesregierung Ramek berufen, in der er sich für eine rigide Schutzzollpolitik einsetzte, um dadurch die Inlandsproduktion zu stärken; 1927–34 Abg. zum Nationalrat. Nach seiner Demissionierung 1929 wurde er Obmann des Reichsbauernbunds. Ein Jahr später setzte sich der heimwehrnahe Flügel im Tiroler Bauernbund durch und wählte ihn zum Obmann. Dennoch galt T. als Gegner des Korneuburger Eids von 1930, wonach die Heimwehren getrennt von der CSP auftreten sollten. Von September 1930 bis März 1931 fungierte T. erneut als Landwirtschaftsminister, musste aber das Scheitern seiner Politik eingestehen. Wenig ertragreiche Bergbauernhöfe, die Weltwirtschaftskrise 1929 und die vom Dt. Reich verhängte Tausend-Mark-Sperre führten zu einer enormen Verschuldung der Tiroler Bauern. Schon ab 1927, verstärkt jedoch ab 1930, bewarb T. im Ministerrat erfolglos Kolonialprojekte in Südamerika. Bei seiner ersten Stud.reise dorthin im Sommer 1928 meinte er, vorteilhafte Bedingungen vorgefunden zu haben, da man auf Kolonisten keinen Assimilationsdruck ausübe. 1931 erhielt er 60.000 Schilling aus dem Budget des Finanzmin. für eine zweite Stud.reise. Walther v. Schuschnigg, Cousin von →Kurt Schuschnigg und Dt. Konsul für den Westen des brasilian. Bundesstaats Santa Catarina, empfahl die Gründung eines dt. Siedlungsgürtels, der das kath. Dt.tum gegenüber Protestanten und Brasilianern stärken sollte. Nach der Gründung der Österr. Auslandssiedlungsges. (ASG) 1933 gewährte Bundeskanzler →Engelbert Dollfuß T. eine halbe Million Schilling, wofür er erschlossenes Land in Barra de São Bento erwarb und es nach einem Epos Friedrich Wilhelm Webers „Dreizehnlinden“ benannte. Zwischen 1933 und 1938 wanderten knapp 800 Personen (überwiegend kath. Bauern- und Handwerkerfamilien aus Tirol und Vbg.), darunter T. und seine Familie, dorthin aus. T. ließ den Grund kollektiv bewirtschaften und gestattete Landverkäufe an Siedler erst ab 1935. Die Kolonie spiegelte T.s kath.-bäuerl. Ges.vorstellungen wider. Eine Übernahme der Kolonie durch das Dt. Reich 1938 scheiterte. T. ertrank während eines Hochwassers in Dreizehnlinden.

W.: Die österr. Kolonie Dreizehnlinden in Brasilien, 1934.
L.: M. Reiter u. a., Dreizehnlinden. Österreicher im Urwald, 1993, S. 15ff. (m. B.); U. Prutsch, Das Geschäft mit der Hoffnung, 1996, S. 203ff.; K. Achrainer, Ein Minister greift zum Wanderstab ..., phil. DA Innsbruck, 2005 (m. B. u. L.); dies., in: Transatlantic Relations, ed. K. Eisterer, 2006, S. 137ff.; M. Reiter, 100 Tiroler Persönlichkeiten, 2007, S. 140f.
(U. Prutsch)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 277f.
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