Thinnfeld, Ferdinand Frh. von (1793–1868), Politiker und Industrieller

Thinnfeld Ferdinand Frh. von, Politiker und Industrieller. Geb. Graz (Stmk.), 24. 4. 1793; gest. Schloss Thinnfeld (Deutschfeistritz, Stmk.), 8. 4. 1868; röm.-kath. Sohn des Gewerken Ferdinand Leopold v. T. (1766–1793), dessen Vorfahren 1731 in den Adelsstand erhoben worden waren, und von Johanna v. T., geb. Freiin v. Spiegelfeld, Vater des zeitweisen Beamten im Min. des Innern Hubert Frh. v. T. (1833–1891), des Hptm. Friedrich Frh. v. T. (1835–1875), von Marie Freiin v. T. (geb. 1831), der Ehefrau von →Moriz Heider, sowie von Franziska (Fanny) Freiin v. T. (1821–1903), die beachtenswerte geolog., archäolog. und kunstgeschichtl. Forschungen betrieb; ab 1820 verheiratet mit Maria Clara Haidinger (1797–1843), der Schwester von →Wilhelm v. Haidinger. – Schon bald nach der Geburt Halbwaise, stud. T. nach Privatunterricht und Besuch der Theresian. Ritterakad. (1802–07) am Lyzeum in Graz (1808–13, Rechtswiss. und Geschichte, u. a. bei →Julius Franz Schneller) sowie am Joanneum (1811/12, Schwerpunkt Geol., Mineral. und Bergwesen, u. a. bei →Friedrich Mohs). Er unternahm mehrere Stud.reisen, z. B. nach Frankreich, Norddtld. und Großbritannien, zur Besichtigung von Bergwerken (u. a. Zinn- und Kupferbergwerke in Cornwall) und Ind.anlagen. 1814 in den ständ. LT des Hg.tums Stmk. introduziert, wurde T. 1818 zum Ausschussrat sowie 1823, 1829, 1836 und 1843 zum Verordneten gewählt und fungierte ab 1827 als ständ. Kanzleidir. Im selben Jahr zum Kurator des Joanneums ernannt, beteiligte sich T. in enger Zusammenarbeit mit Erzhg. →Johann an der Förderung des geistig-wiss. Lebens und der montanist. Ausbildungsmöglichkeiten in der Stmk. des Vormärz (u. a. Lesever. am Joanneum, Red. der „Steiermärkischen Zeitschrift“, 1840 Gründung der Steiermärk.-Ständ. Montanlehranstalt in Vordernberg). Im Frühjahr 1848 war T. gem. mit →Franz Frh. Kalchegger v. Kalchberg Wortführer der Reformpartei im LT, die eine breitere Repräsentation der bürgerl. und bäuerl. Bevölkerung, die Grundentlastung sowie eine Verfassung anstrebte. Als Abg. der Ind. im Juni 1848 Mitgl. des prov. LT, wurde T. kurz darauf als Abg. in den Konstituierenden RT in Wien gewählt und war im Oktober 1848 Mitgl. einer Deputation nach Olmütz (Olomouc) zu K. →Ferdinand I. Nach vorübergehendem Rückzug auf den Familiensitz in Deutschfeistritz wurde T. im November 1848 vom K. zum Minister für Landeskultur und Bergwesen ernannt. In seiner Amtszeit bis zur Aufhebung des Min. im Jänner 1853 förderte T. 1849 die Gründung der Geolog. Reichsanstalt sowie die der Bergakad. in Přibram (Příbram) und transferierte die Steiermärk.-Ständ. Montanlehranstalt von Vordernberg nach Leoben. 1852/53 initiierte er die „Oesterreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen“, die als erstes Fachorgan dieser Art im Kaisertum Österreich gilt. Darüber hinaus setzte er sich für die Verbreitung der Tätigkeit der Landwirtschaftsges. in der Monarchie ein. Zuletzt zog sich T. auf seine steir. Eisenwerke zurück und war daneben Mitgl. der Grazer HGK. Der frühe Tod von zweien seiner elf Kinder sowie große wirtschaftl. Verluste – u. a. wurden die Eisenwerke in Deutschfeistritz, Waldstein und Übelbach ein Opfer der damaligen Krise im Montanwesen – verbitterten T.s Lebensabend. 1852 Geh. Rat, erhielt er 1853 den Orden der Eisernen Krone I. Kl. Im selben Jahr erfolgte seine Erhebung in den Frh.stand.

L.: Die Presse, 20. 1. 1853; Wurzbach; W. v. Haidinger, in: Jb. der geolog. Reichsanstalt 18, 1868, S. 321ff.; Oesterr. Z. für Berg- und Hüttenwesen 16, 1868, S. 134f.; A. v. Pantz, Die Gewerken im Bannkreise des Steir. Erzberges, 1917‒18, S. 352ff.; Erzhg. Johann an F. v. T., ed. B. Hebert, 2009; Ch. Boden, in: Berr. der Geolog. Bundesanstalt 95, 2012, S. 11ff. (m. B. u. L.); Archiv der Geolog. Bundesanstalt, Wien; Schlossarchiv Thinnfeld, Deutschfeistritz, Stmk. LA, Graz, beide Stmk.
(G. P. Obersteiner)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 299f.
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