Thomayer, Josef; Ps. R. E. Jamot (1853–1927), Mediziner und Schriftsteller

Thomayer Josef, Ps. R. E. Jamot, Mediziner und Schriftsteller. Geb. Chodenschloß, Böhmen (Trhanov, CZ), 23. 3. 1853; gest. Prag, ČSR (Praha, CZ), 18. 10. 1927 (begraben: Trhanov). Sohn eines Gärtners, Bruder von →František T. – Nach Besuch des Gymn. in Klattau (Klatovy) stud. T. ab 1871 Med. an der Univ. Prag; 1876 Dr. med. Sein Einjährig-Freiwilligen-Jahr absolv. er im Garnisonsspital 11 in Prag; daneben wirkte er als Demonstrator am Inst. für Pathol. und Anatomie am AKH sowie als prakt. Arzt. 1880 wurde er als Externist in der Irrenanstalt angestellt, ab 1880 arbeitete er als Ass. an der 3. bzw. 1. Klinik für innere Med. und unternahm seine ersten Stud.reisen ins Ausland. T. habil. sich 1883 für innere Med. an der neu errichteten tschech. med. Fak. der Univ. Prag und fungierte als Vorstand der Poliklinik; 1886 ao., 1897 o. Prof. 1902 übernahm er die Leitung der 2. Klinik für innere Med.; 1921 i. R. T. gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der tschech. Med., dem nicht nur die Einführung der tschech. med. Terminol. zu verdanken ist, sondern der auch Begründer einer eigenen wiss. Schule war, zu der u. a. →Ladislav Syllaba zählte. Bei zahlreichen Aufenthalten an führenden europ. Kliniken und Univ. hielt er eine Reihe von anerkannten Vorlesungen. In der Praxis v. a. als ausgez. Diagnostiker bekannt, widmete er sich insbes. der Pneumol., Kardiol. sowie Endokrinol. und interessierte sich zudem für das zunächst noch nicht selbstständige Fach Neurol. Bis heute gelten seine klin. Krankheitsbeschreibungen als maßgebend, einige Symptome und Untersuchungsmethoden tragen seinen Namen. Bemerkenswert waren auch T.s Errungenschaften in der Psychiatrie und Psychol. Von seinen über 200 med. Abhh. sind die mehrfach aufgelegten Schriften „Pathologie a therapie nemocí vnitřních“ (1893, 5. Aufl. 1923) und „Úvod do drobné praxe lékařské“ (1886, 3. Aufl. 1919) noch heute Standardwerke. Ab Beginn der 1880er-Jahre erschienen die von ihm red. med. Stud. in der Smlg. „Thomayerova sbírka přednášek a rozprav z oboru lékařského“, 1887 war er Mitbegründer der Fachz. „Sborník lékařský“. Seine Erkenntnisse veröff. T. auch in der Z. „Časopis lékařů českých“ sowie v. a. in österr. und dt. Fachperiodika. Darüber hinaus verf. er Beitrr. für die Enz. „Ottův slovník naučný“. Seit seiner Jugend unterhielt er Kontakte zu tschech. Literaten (u. a. zu →Emil Frida) und Künstlern (u. a. →Josef Václav Myslbek), engagierte sich im Akadem. Lesever., war Mitgl. des Tschech. Schriftstellerrats, schrieb Beitrr. für die Z. „Květy“, „Světozor“, „Lumír“ und war Red.mitgl. der Z. „Zvon“. Der Schwerpunkt seiner literar. Tätigkeit lag auf kleinen Skizzen, Feuilletons, Causerien, Glossen sowie Anekdoten, die eigene Erlebnisse reflektierten. Ebenso beschrieb er Naturerscheinungen und deren Gesetzmäßigkeiten. T. suchte Inspiration in den Schicksalen einfacher Menschen („Z pamětí lidí nepatrných a jiné práce“, 1913), beschrieb in seinen Reiseberr. das Alltagsleben („Vedle cesty“, 1895; „Po různých stezkách“, 1902) und popularisierte seinen Beruf durch die literar. Verarbeitung von med. Diagnosen hist. Persönlichkeiten sowie durch realist. Erz. aus dem med. Milieu. T.s Jugenderinnerungen und Schriften über das zeitgenöss. Leben haben ihren dokumentar. und hist. Wert bewahrt. 1917 unterschrieb er das Manifest der tschech. Schriftsteller an die böhm. RR-Abg. für die Unabhängigkeit eines tschech. Staats. T. war u. a. ab 1895 k. M., ab 1926 o. Mitgl. der 2. Kl. der Böhm. K. Franz-Joseph-Akad. der Wiss., Literatur und Kunst bzw. der Česká akad. věd a umění sowie Funktionär bzw. Mitgl. verschiedener Ges., u. a. ab 1873 der Umělecká beseda, ab 1890 des Svatobor.

Weitere W.: s. LČL; Otto; Navrátil.
L.: Fischer; LČL (m. W. u. L.); Otto (m. W.); M. Navrátil, Almanach českých lékařů, 1913 (m. B. u. W.); L. Syllaba, J. T., 1927; Biografický slovník pražské lékařské fak. 1348–1939, 2, 1993 (m. L.); O. Dub, Rytíř ducha J. T. – lékař a spisovatel, 1993; J. Tomeš u. a., Český biografický slovník XX. století 3, 1999; A. Šlechtová – J. Levora, Členové České akademie věd a umění 1890–1952, 2. Aufl. 2004; L. Hlaváčková, in: Časopis lékařů českých 151, 2012, S. 543ff.
(M. Makariusová)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 304f.
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