Thon, Osias (1870–1936), Rabbiner und Politiker

Thon Osias, Rabbiner und Politiker. Geb. Lemberg, Galizien (L’viv, UA), 13. 2. 1870; gest. Kraków (PL), 11. 11. 1936; mos. Aus einer armen Familie stammend, Bruder des Zionisten Jakob T. (geb. Lemberg, 26. 3. 1880; gest. Jerusalem, IL, 5. 3. 1950). – T. besuchte den Cheder und ab 1888 das Gymn. in Lemberg. Zusammen mit →Jehuda Leib Landau, →Adolf Stand, →Salomon Schiller und anderen beteiligte er sich aktiv im Studentenver. Mikra Kodesh, der sich bald zur ersten zionist. Organisation Galiziens entwickelte. Ab 1891 stud. T. an der Univ. Berlin, wo er Schüler Georg Simmels war, und besuchte die Hochschule für die Wiss. des Judentums; 1895 Dr. phil. Eng mit Markus Ehrenpreis, →David Neumark und Markus Braude befreundet, war T. Mitgl. des zionist. Ver. Jung-Israel und stand mit Ahad Ha’am in Kontakt, an dessen Z. „Haschiloach“ er mitarbeitete. 1896 veröff. er den wegweisenden Essay „Zur geschichtsphilosophischen Begründung des Zionismus“. Als Mitstreiter →Theodor Herzls nahm T. im März 1897 an einer zionist. Konferenz in Wien mit Abraham Salz, Ehrenpreis, →Nathan Birnbaum und Willy Bambus teil, auf der der Beschluss zum 1. Zionistenkongress gefasst wurde. Während des 2. Zionistenkongresses in Basel 1898 gehörte er dem Präsidium und dem Kulturkomitee an, zog sich dann jedoch für längere Zeit aus dem polit. Leben zurück. Als Rabb. wirkte T. 1897–1936 am liberalen Tempel in der Krakauer Miodowa-Straße, wo er auch die Bibl. Esra mitbegründete. Er publ. in poln., dt., jidd. und hebr. Sprache und war u. a. Mitbegründer des „Nowy Dziennik“, der ersten zionist. Tagesztg. in poln. Sprache, sowie Mitarb. der Tagesztg. „Haint“. T. betätigte sich aktiv in der B’nai B’rith und stand 1918–26 als Präs. der Vereinigung Tarbuth vor, die ein Netzwerk hebr. Schulen in Polen unterhielt. 1919 nahm er als poln. Delegierter an der Pariser Friedenskonferenz teil und wurde Abg. zum Sejm (bis 1935). Ab 1923 war er Mitgl. des Aktionskomitees der Zionist. Weltorganisation und 1928 einer der Gründer des Inst. für jüd. Stud. in Warschau. Mehrfach reiste T. nach Palästina.

Weitere W.: Th. Herzl, 1914; Essays zur zionist. Ideol., 1930.
L.: Enc. Jud. (m. B.); Enc. of Zionism and Israel 2, 1971; The Jewish Press, 1980, S. 26, 260f.; Th. Herzl, Briefe Anfang Mai 1895 – Anfang Dezember 1898, bearb. B. Schäfer, 1990, s. Reg.; The YIVO Enc. of Jews in Eastern Europe 2, 2008; E. Melzer, in: Jews in Kraków, ed. M. Galas, 2011, S. 261ff.; M. Galas, in: Judaica, 2011, H. 3, S. 311ff.
(E. Adunka)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 307
<=  S. 1 =>
<=  S. 1 =>