Thun und Hohenstein, Leo (Leopold) Gf. von (1811–1888), Politiker

Thun und Hohenstein Leo (Leopold) Gf. von, Politiker. Geb. Tetschen, Böhmen (Děčín, CZ), 7. 4. 1811; gest. Wien, 17. 12. 1888; röm.-kath. Böhm. Linie, Fideikommiss Tetschen. Sohn von Franz Anton d. Ä. Gf. v. T. u. H. (geb. Prag, Böhmen / Praha, CZ, 3. 10. 1786; gest. Tetschen, 18. 1. 1873) und Theresia Gfn. v. T. u. H., geb. Reichsgfn. v. Brühl (geb. Pförten, Sachsen / Brody, PL, 8. 11. 1784; gest. Prag, 8. 3. 1844), Bruder von →Franz Anton d. J. Gf. v. T. u. H. und →Friedrich Gf. v. T. u. H., Onkel von →Franz Fürst v. T. u. H. und von →Jaroslav Fürst v. T. u. H.; ab 1847 verheiratet mit Caroline Gfn. v. T. u. H., geb. Gfn. v. Clam-Martinic, spätere Sternkreuzordens- und Palastdame. – T. erhielt 1822–26 Privatunterricht und stud. 1827–31 Rechtswiss. an der Univ. Prag, daneben beschäftigte er sich mit Botanik und Geol. 1831–35 unternahm er Stud.reisen nach Frankreich, England und Italien, wo er mit sozialreformer. Ideen in Kontakt kam. In England lernte er u. a. Alexis de Tocqueville kennen, der ihn wesentl. beeinflusste und mit dem er auch später noch in ständigem Briefverkehr stand. 1836–39 veröff. er mehrere Schriften, in denen er für eine Reform des Strafvollzugs (z. B. Gefängniswesen und Rehabilitationsmaßnahmen) plädierte. Unter seiner Federführung wurde 1839 der Ver. zum Wohle entlassener Züchtlinge gegr. Bes. ab den 1840er-Jahren trat T. für verstärkte staatl. Maßnahmen im Bereich der Kindeswohlfahrt ein. Erzogen im Geiste des Spätjosephinismus und geprägt von kath. Reformideen, wandte er sich den Vorstellungen →Bernhard Bolzanos zu. T. trug sowohl dessen böhm.-patriot. Haltung als auch dessen Regimekritik mit. Im Unterschied zu Bolzano versuchte er aber, seine Reformvorstellungen weniger in schriftsteller. Tätigkeit darzulegen als vielmehr in der Staatsverwaltung zu verwirklichen. Ab 1835 in der böhm. Justizverwaltung tätig, wechselte er 1842 in den polit. Verwaltungsdienst. Bis 1848 durchlief er verschiedenste Bereiche der österr. Staatsverwaltung, war bis 1845 als Kreiskommissar in den Kreisämtern von Kauřim (Kouřim), Rakonitz (Rakovník) und Königgrätz (Hradec Králové) tätig, wo er eine unmittelbare Wirksamkeit entfalten konnte. Nach seiner Versetzung zur Vereinigten Hofkanzlei erfolgte Ende Oktober 1847 seine Beförderung zum Gubernialrat bei der galiz. Landesstelle in Lemberg (L’viv), als welcher er unter →Franz Ser. Gf. v. Stadion-Warthausen diente. Kurz nach Ausbruch der Märzrevolution 1848 wurde T. zum Landesgouverneur in Böhmen ernannt, doch bereits im Juli seines Amts enthoben. Einerseits wurde ihm von konservativen Kreisen zögerndes Verhalten bei der Niederwerfung des Prager Pfingstaufstands vorgeworfen, andererseits missbilligten die Tschechen sein Eintreten für Fürst Windisch-Graetz. Von T.s Vorliebe für die tschech. Seite zeugt bes. die 1842 publ. Schrift „Über den gegenwärtigen Stand der böhmischen Literatur und ihre Bedeutung“, die sich gegen Panslawismus und Magyarisierung richtete und stattdessen dem Austroslawismus das Wort redete. Im Juli 1849 wurde er zum Minister für Kultus und Unterricht ernannt, eine Verbindung, die T. sich ausdrückl. vorbehalten hatte, da er beide Agenden für untrennbar miteinander verbunden hielt. Sein Hochschulkonzept sah eine Neuorientierung gemäß dem Prinzip der Lehr- und Lernfreiheit vor: Kath. Glaube und Wiss. sollten auf universitärem Feld vereint werden. Im Zuge dieser weitgehenden Neuordnung von Univ., Gymn. und Realschule fiel T. weniger die Ausarbeitung der Reformen als vielmehr deren Umsetzung zu, da er auf bereits ausgearbeitete Reformpläne von →Franz Serafin Exner und →Hermann Bonitz zurückgreifen konnte. Als Werkzeuge dienten ihm eine gezielte Personalpolitik sowie direkte Eingriffe in die Stud.pläne. So entstand das Grundgerüst für das moderne Bildungssystem. Die evang.-theol. Lehranstalt in Wien erhielt 1850 den Status einer Fak. Gleichzeitig strebte T. eine Neuregelung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche an, auch im Hinblick auf das Schulwesen, was im Abschluss des Konkordats von 1855 mündete; auch das 1861 erlassene Protestantenpatent, das eine weitgehende Gleichstellung der evang. mit der röm.-kath. Kirche bedeutete, wurde noch während seiner Amtszeit vorbereitet. Trotz dieser Leistungen sah sich T. massiver Kritik sowohl von liberaler als auch von kath.-konservativer Seite ausgesetzt. Nach der Niederlage im 2. italien. Einigungskrieg von 1859 und dem daraufhin eingeschlagenen Kurs der verfassungsrechtl. Neuorganisation, den er nicht bereit war mitzutragen, trat T. im Oktober 1860 von seinem Ministerposten zurück. Bis zum Februarpatent 1861 war er Mitgl. des erweiterten RR und wurde danach zum HH-Mitgl. auf Lebenszeit ernannt, wo er als Vertreter des ständ.-konservativen Lagers auftrat. Zudem gab er mit der konservativen Tagesztg. „Das Vaterland“ das Sprachrohr für Österr. Konservative heraus. 1861–67, 1870 und 1883–88 gehörte er dem Prager LT als Exponent der böhm. Feudalen an. T., ab 1848 w. Geh. Rat, wurde 1854 Ritter des Ordens der Eisernen Krone I. Kl., erhielt 1860 das Großkreuz des Leopold-Ordens, wurde im selben Jahr Ehrenmitgl. der k. Akad. der Wiss. in Wien sowie 1884 Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies. Ebenso war er Mitgl. der Böhm. Mus.ges., des Böhm. Kunstver., der Schriftsteller- und Künstlervereinigung Concordia und des Jurid.-Polit. Lesever.

Weitere W.: Die Ereignisse in Galizien und das Patrimonialverhältnis in Österr., 1846; Die parlamentar. Regierungsform betrachtet im Hinblicke auf eine Reform des Parlamentes: eine Abh., 1863; Zur Revision des ung. Ausgleiches, 1877. – Nachlass: Státní oblastní archiv v Litoměřicích, Děčín, CZ.
L.: J. Thun-Hohenstein, Beitrr. zu unserer Familiengeschichte 1, 1925, S. 25; H. Lentze, Die Univ.reform des Ministers Gf. L. T., 1962 (m. B.); Ch. Thienen-Adlerflycht, Gf. L. T. im Vormärz, 1967 (m. B.); P. Wozniak, in: Austrian History Yearbook 26, 1995, S. 61ff.; Ch. Thienen-Adlerflycht, in: Konservative Profile, ed. U. E. Zellenberg, 2003, S. 103ff.; W. Ogris, in: Elemente europ. Rechtskultur, ed. Th. Olechowski, 2003, S. 333ff.; K. E. Gasser, Gf. L. T. Österr. erster Minister für Kultus und Unterricht (1849–60) ..., 2009.
(T. Kraler)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 326f.
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