Thun und Hohenstein, Maximilian Gf. von (1887–1935), Mediziner und Bewegungstheoretiker

Thun und Hohenstein Maximilian Gf. von, Mediziner und Bewegungstheoretiker. Geb. Lissa an der Elbe, Böhmen (Lysá nad Labem, CZ), 14. 12. 1887; gest. Wien, 12. 6. 1935; röm.-kath. Böhm. Linie, Fideikommiss Klösterle. Sohn des GM Maximilian Theodor Gf. v. T. u. H. (geb. Sehuschitz, Böhmen / Žehušice, CZ, 24. 7. 1857; gest. Wien, 1. 8. 1950) und der Hofdame Gabriele Sophie Marie Gfn. v. T. u. H., geb. Prinzessin Lobkowitz (1864–1941), Neffe von →Oswald Gf. v. Thun-Hohenstein-Salm-Reifferscheid(t); ab 1920 verheiratet mit Sidonie Freiin Nádherný v. Borutín (geb. Janowitz, Böhmen / Vrchotovy Janovice, CZ, 1. 12. 1885; gest. Harefield/London, GB, 30. 9. 1950), von der er sich bereits 1920 wieder trennte, 1933 scheiden ließ und die in Beziehung zu →Karl Kraus und →Rainer Maria Rilke stand. – T., der schon früh Interesse an Natur, Tieren und Bewegung zeigte, besuchte das Gymn. in Kalksburg (Wien). Die vom Vater bestimmte Laufbahn eines Off. verweigerte er und stud. ab 1908 Med. zunächst an der Univ. Innsbruck, dann an der dt. Univ. in Prag; 1914 Dr. med. Im 1. Weltkrieg diente er als Oblt. der Kav. im Dragonerrgt. 13 Eugen Prinz von Savoyen sowie als Militärarzt in Galizien. 1915–17 war er Ass. an einer dermatolog. Klinik, nach Kriegsende führte er eine Privatpraxis in Prag. Unter dem Einfluss der Jugendbewegung richtete sich T.s Reformeifer auf Körperkultur und Gymnastik (so wollte er für den Bau eines Sanatoriums vorzeitig seinen Erbteil einfordern). Aus der damals verbreiteten Kulturkritik entstand die Gymnastik T.s, deren Grundgedanke die Rückkehr zur tier. Bewegungsform war. Deshalb stellte der Vierfüßlergang in allen seinen Variationen die bevorzugte Fortbewegungsform in diesem Konzept dar. 1926 übersiedelte T. nach Wien und errichtete das Gymnastikinst. Wiss. Ges. für natürl. Bewegungspflege. Mit Vorträgen und Vorführungen, in die er oftmals auch Affen miteinbezog, machte T. seine Gymnastik auf allen Vieren in Wien und in dt. Städten bekannt. Die Wiener nannten ihn deshalb – durchaus nicht abwertend – den „Affen-Thun“. Auch wenn T.s Tätigkeit stets von finanziellen Problemen begleitet war und Gönner – darunter Künstler wie →Alban Berg – häufig einspringen mussten, um den Weiterbestand der Gymnastikschule zu sichern, hatte sein Konzept naturnaher Fortbewegungsmöglichkeiten sowohl bei der Heilung verletzter Körperteile als auch als Grundlage allg. Leibeserziehung Erfolg.

W.: Das Geheimnis der Grazie, in: Moderne Welt 10, 1928; Neue Wege der gymnast. Volksbildung in Österr., in: Die Zeit. Bll. für Erkenntnis und Tat 1, 1934; Bewegungsphysiol. und -therapie des Menschen, in: Zentralbl. für Chirurgie 62, 1935; etc.
L.: NFP, 28. 2., 13. 12. 1928, 19. 4. 1935 (A.); WZ, 3. 5. 1936 (Beilage); K. Göbl, in: Neue illustrierte Wochenschau 46, 1955, S. 8; A. Clary-Aldringen, Geschichten eines alten Österreichers, 1977, S. 45ff.; A. Weywar, Dr. M. T., 1989 (m. B.); ders., Gehen – Laufen – Hüpfen. Die angeborene Fortbewegung des Menschen nach Dr. M. T. …, 1996 (m. B.); Ch. Gierer, in: Bewegungserziehung 53, 1999, S. 23ff.; St. Größing, Affen-Thun oder Gymnastik auf allen Vieren …, 2000 (m. B.); M. Wilde, Natürl. (Fort)Bewegen …, sportwiss. Diss. Hamburg, 2002, bes. S. 41ff. (m. L.); Josephinum, Wien; T.-H.-Archiv der Univ. Salzburg, Sbg.; UA, Innsbruck, Tirol; UA, Praha, CZ.
(St. Größing)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 328f.
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