Tichatschek (Ticháček), Joseph Alois; eigentl. Tichatschke (Tichatschka) (1807–1886), Sänger

Tichatschek (Ticháček) Joseph Alois, eigentl. Tichatschke (Tichatschka), Sänger. Geb. Oberwekelsdorf, Böhmen (Teplice nad Metují, CZ), 11. 7. 1807; gest. Blasewitz, Sachsen (Dresden, D), 18. 1. 1886. Sohn des Webers Wenzel (Václav) Tichatschke (Tichatschka). – T.s musikal. Begabung wurde bereits in frühester Kindheit gefördert, er erhielt Gesangs-, Klavier- und Violinunterricht vom örtl. Schullehrer. 1822–24 war er Privatschüler des Stiftsgymn. der Benediktiner in Braunau (Broumov), zwei weitere Jahre wurde ihm als „öffentlichem“ Schüler und Sängerknaben das Schulgeld erlassen. 1827 ging er zum Chirurgiestud. nach Wien, das er jedoch bald abbrach. Nachdem er 1830 in Kirchenmusiken singend für den Chor der Hofoper entdeckt worden war, erhielt er Unterricht bei Giuseppe Ciccimarra und konnte 1833–34 auch kleinste und kleine Solorollen (etwa den Priester in Mozarts „Zauberflöte“ oder den Jaquino in Beethovens „Fidelio“) übernehmen. Sein erstes Engag. als Solist hatte er 1835–37 in Graz. 1838–63 war er ständiges Mitgl. (danach Ehrenmitgl.) der Dresdner Hofoper, wo er sich binnen Kurzem unter dem Einfluss Wilhelmine Schröder-Devrients (→Wilhelmine Schröder) zum führenden Tenor Dtld. entwickelte und in 67 Rollen knapp 1.500-mal aufgetreten sein soll. Ausgedehnte Gastspielreisen führten ihn v. a. in den 1840er-Jahren an die wichtigsten dt. Opernhäuser sowie nach Wien, Paris, Prag, England, Holland, Schweden etc. War er anfängl. mehrfach wegen des heiseren Stimmklangs und mangelnder Textausdeutung kritisiert worden, so zählten später gerade der Wohlklang, die Fülle, Kraft und Ausdauer der Stimme, seine herausragend präzise Intonation und die unnachahml. Textdeutlichkeit zu seinen Markenzeichen. Letztere erzielte er durch eine bes. klare Unterscheidung der Vokale und die scharf akzentuierte Trennung der Silben, die manche Kritiker als zu grell und polternd empfanden. Für seine Bewunderer, darunter Berlioz, Nicolai, Cornelius, Meyerbeer, →Franz v. Liszt und Wagner, prädestinierte ihn dies stimml. und musikal. geradezu für die Interpretation dramat. Heldenrollen, zu denen u. a. Masaniello (Auber: „La Muette de Portici“), Raoul (Meyerbeer: „Les Huguenots“), Fernando Cortez (Spontini), Max (Weber: „Der Freischütz“), aber auch Idomeneo (Mozart) oder Achilles (Gluck: „Iphigenie in Aulis“) gehörten. Bes. hervorzuheben sind die Maßstäbe setzenden Dresdner Erstauff. von Meyerbeers „Le Prophet“ 1850 und einer eigens für T. erweiterten Fassung von „L’Étoile du nord“ 1855. Bleibenden Ruhm erwarb er sich jedoch durch seine Beziehung zu Richard Wagner. T.s Fürsprache und Mitwirkung (in der Rolle des Tribunen) ermöglichte 1842 die Urauff. des „Rienzi“ in Dresden, Wagners ersten großen Erfolg. Auch den Tannhäuser verkörperte T. 1845 unter der Leitung des Komponisten in der Dresdner Urauff., deren schwache Resonanz Wagner z. Tl. T.s mangelndem Verständnis für die darsteller. Anforderungen seines neuen Musiktheaters zuschrieb. Dennoch wurde der Tannhäuser zu einer von T.s Glanzpartien, die er in zahlreichen (Erst-)Auff. des Werks von Berlin bis Budapest interpretierte. Seine Art zu singen entsprach so sehr Wagners Ideal eines dt. Belcanto, dass dieser die Rolle des Lohengrin 1846–48 explizit für T. entwickelte. Die Urauff. fand aufgrund von Wagners Exilierung ohne T. in Weimar statt, die äußerst erfolgreiche Dresdner Erstauff. wurde 1859 u. a. durch T.s persönl. Einflussnahme ermöglicht. Wagner versuchte noch 1867, ihn für die erste ungekürzte Auff. in München zu engag. 1876 besuchte T. die ersten Bayreuther Festspiele, wo er von Wagner als Herold seiner Kunst geehrt wurde.

L.: ADB; Eisenberg, Bühne; Grove, 1980, 2001 (beide m. B.); Grove, Opera (m. B.); Schilling; Wurzbach; M. v. Fürstenau, J. T., 1868; Musikal. Wochenbl. 1, 1870, S. 679ff. (m. B.); R. Wagner, Gesammelte Schriften und Dichtungen 1, 1871, S. 21, 4, 1872, S. 336f., 5, 1872, S. 122, 137, 175, 8, 1873, S. 236; Neue Z. für Musik 10, 1939, S. 168, 176; G. Meyerbeer. Briefwechsel und Tagebücher, ed. H. Becker, 1–8, 1959–2012, s. Reg.; R. Wagner, Sämtl. Briefe, ed. G. Strobel – W. Wolf, 1–4, 1967–83, s. Reg.; C. Wagner, Die Tagebücher, ed. M. Gregor-Dellin – D. Mack, 1977, S. 126, 404, 628; H. Berlioz, Mémoires, ed. P. Citron, 2. Aufl. 1991, s. Reg.; Lex. zur dt. Musikkultur 2, 2000; M. Knust, Sprachvertonung und Gestik in den Werken R. Wagners, 2007, bes. S. 215ff.; Theaterzettel des Hoftheaters nächst dem Kärnthnerthor 1833–34; UA, Wien.
(Ch. Pollerus)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 336f.
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