Tietz, Karl (1831–1874), Architekt

Tietz Karl, Architekt. Geb. Jastrow, Preußen (Jastrowie, PL), 25. 1. 1831; gest. Döbling, NÖ (Wien), 3. 8. 1874; evang. AB. Sohn des Tuchmachers oder Försters Franz Carl T. und von Friederike T.; ab 1855 mit Valeska Hanow verehel. – Aus ärml. Verhältnissen stammend, erhielt T. 1847–50 eine Ausbildung als Maurer in Jastrow, danach in Berlin (eine Ausbildung an der dortigen Bauakad. ist nicht gesichert), wo er auch kurzfristig als Bauzeichner bei dem Architekten Eduard Tietz (mit dem er nicht verwandt war) arbeitete; 1852 Maurermeisterprüfung. Im selben Jahr übersiedelte er für einen Auftrag (Zirkus Renz) nach Wien, wo er sich 1853 selbstständig machte. In den Folgejahren unternahm er Stud.reisen nach Paris, London, Italien und in die Schweiz. Anfangs weitgehend mit Ind.bauten befasst (u. a. Milly-Kerzen-Fabrik, 1853, Wien-Liesing), avancierte T. in den nächsten zwei Jahrzehnten zu einem der erfolgreichsten Architekten. Auf dem Zenit seines Schaffens errichtete er jährl. bis zu 40 Gebäude, wobei v. a. der paradigmat. Bau des Palais Schlick (1856, Wien 9) mit seiner charakterist. Ecklösung mittels eines eingeschobenen Zylinders viel zu seinem Prestige beitrug. T. hatte großen Anteil am Ausbau der Wr. Ringstraße: Neben der Errichtung zahlreicher eleganter Mietpalais im Stil der italien. Renaissance realisierte er 1869 mit dem Grand-Hotel (Wien 1) das erste Ringstraßenhotel überhaupt. Zu seinen bemerkenswertesten Bauten zählt auch das Palais Sigl, das Vorderhaus des späteren Technolog. Gewerbemus. (1866, Wien 9), dessen Klinkerfassade von einem kunstvoll dekorierten Eingangsportal akzentuiert wird. Mit →Theophil Hansen freundschaftl. verbunden, realisierte er mit diesem gem. einige Projekte (u. a. Börse, 1873–77, Wien 1). T., der Mitgl. diverser Baukomm. (1866 Stadterweiterungskomm., 1868 Komm. zur Revision der Bauordnung) war und ab 1869 einen Sitz im Verw.R. der Allg. österr. Bauges. innehatte, war auch ein gefragter Juror und gehörte zahlreichen Institutionen und Fachverbänden an, so etwa ab 1854 dem Österr. Ing.- und Architektenver., ab 1855 dem Nö. Gewerbever.; 1862–72 Mitgl. der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus), 1866 Mitgl. der ABK. Arbeitsüberlastung und ein Aufsehen erregender Baustellenunfall mit Todesopfern führten 1870 zu einem Zusammenbruch des bereits länger Kränkelnden, der in eine Irrenanstalt verbracht wurde, wo er nach dreijährigem Aufenthalt verstarb.

Weitere W. (s. auch Architektenlex.): Palais Klein, 1867, Palais Gutmann, 1869, Mietpalais Lieben, 1870, Hotel Britannia, 1870 (alle Wien 1); Mietshäuser; Villen; Ind.anlagen etc. – Publ.: Ueber den Bau und die Einrichtung von Bierbrauereien, in: ZÖIAV 19, 1867; etc.
L.: NFP, 4. 8. 1874 (A.); Czeike; Die Wr. Ringstraße 1; Thieme–Becker; Wurzbach; Kunstchronik 9, 1874, S. 709; Dt. Bauztg. 9, 1875, S. 24ff., 32ff.; Die Kunstdenkmäler Wiens. Die Profanbauten des III., IV. und V. Bez., bearb. G. Hajós – E. Vancsa (= Österr. Kunsttopographie 44), 1980, s. Reg.; H. Mück, in: Wr. Geschichtsbll. 36, 1981, S. 66ff.; M. Wehdorn – U. Georgeacopol-Winischhofer, Baudenkmäler der Technik und Ind. in Österr. 1, 1984, S. 154f.; Architektenlex. Wien 1770–1945 (m. W. u. L., nur online, Zugriff 9. 8. 2013).
(U. Prokop)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 341
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