Tinter von Marienwil, Wilhelm Edler von (1839–1912), Astronom und Geodät

Tinter von Marienwil Wilhelm Edler, Astronom und Geodät. Geb. Jauernig, Schlesien (Javorník, CZ), 19. 12. 1839; gest. Wien, 18. 12. 1912. Sohn des Weberei- und Schnittwarenhändlers Ignatz Tinter und von Theresia Tinter, geb. Otte (gest. 1869), Vater von Dr. iur. Wilhelm Edler T. v. M. (geb. 19. 8. 1879), Richter im nö. Neunkirchen; ab 1878 verheiratet mit Maria Kluß (gest. 1919). – T. besuchte ab 1851 die Unterrealschule in Troppau (Opava), 1854–57 die Oberrealschule in Wien-Landstraße. 1857–61 stud. er am polytechn. Inst. in Wien und war bis Ende Februar 1864 als Ing.-Beamter im Konstruktionsbüro der österr. Staatseisenbahnges. v. a. mit Brückenbau beschäftigt. Danach vertiefte er seine Kenntnisse in Geodäsie bei →Josef Herr sowie in Astronomie. 1864–66 fungierte T. als Ass. für prakt. Geometrie, 1866–70 als Ass. für Höhere Geodäsie und sphär. Astronomie bei Herr am polytechn. Inst., an dessen Rangerhöhung in die TH er aktiv mitwirkte. Daneben hörte er geolog., mathemat. und astronom. Vorlesungen an der Univ. Wien, u. a. bei →Eduard Sueß und Herr. 1869 habil. er sich über Theorie und Gebrauch geodät. und astronom. Instrumente und über die Theorie der Ausgleichsrechnung. Im selben Jahr lehnte er einen Ruf an die Univ. Aachen ab. 1870 ao. Prof., 1871 o. Prof. für Geodäsie und sphär. Astronomie an der Techn. Militärakad. in Wien, hielt er daneben Vorlesungen an der TH. 1872 Dr. phil. an der Univ. Rostock. 1873 o. Prof. für prakt. Geometrie an der TH, fungierte T. als offizieller Berichterstatter für geodät. und astronom. Instrumente bei der Wr. Weltausst. 1885 o. Prof. für Höhere Geodäsie und sphär. Astronomie, 1882–84, 1888/89, 1895/96 Dekan der (Bau-)Ing.schule, 1884/85 Rektor der TH; 1891 HR, 1896 Min.Rat, trat er 1910 i. d. R., lehrte jedoch noch im Wintersemester 1910/11. Zu T.s Hauptarbeitsgebieten zählten Instrumentenkde. und astronom. Beobachtungstechnik. Er verf. Stud. über neue geodät. Instrumente wie Tachymeter, Tachygraphometer, Planimeter, Distanzmesser etc. Ein photograph. Theodolit wurde nach seinen Angaben gebaut. Weiters beteiligte er sich an Projekten zur Gradmessung und wirkte in diversen Komm., u. a. ab 1887 als Präs. der Österr. Komm. für die Internationale Erdmessung in Wien. Erwähnenswert ist seine Publ. „Die europäische Gradmessung in ihrer Beziehung zu den früheren Gradmessungsarbeiten“ (in: Allg. Bauztg. 35, 1870). Auch T.s Forschungen zum metr. Urmaß und Urgewicht in Österr. waren grundlegend. 1887 vollendete er das von Herr begonnene „Lehrbuch der sphärischen Astronomie in ihrer Anwendung auf geographische Ortsbestimmung“ (2. Aufl. 1923). T. war u. a. ab 1864 Mitgl. des Österr. Ing.- und Architekten-Ver. (ab 1871 im Verw.R., 1872 Mitgl. des Ausschusses zur Einführung des metr. Maßes und Gewichts, 1872–80 Red. der Z. des Ver., 1876–80 verantwortl. Red. von dessen WS) sowie ab 1882 Mitgl. der Normal-Eichungs-Komm. (1896–1903 Dir.). 1898 erhielt er das Ritterkreuz des Leopold-Ordens. 1910 wurde T. mit dem Prädikat Edler v. Marienwil in den Adelsstand erhoben.

Weitere W.: s. Poggendorff.
L.: NFP, 20. 12. 1912; Inauguration TH Wien 1911/12, 1911, S. 9, 11f., 1913/14, 1914, S. 43ff. (m. B.); Poggendorff 3–4 (m. W.); E. Doležal, in: Österr. Z. für Vermessungswesen 8, 1910, S. 3ff. (m. B.); ders., ebd. 11, 1913, S. 2f.; ders., in: ZÖIAV 65, 1913, S. 25ff. (m. B.); K. Ledersteger, in: Hundertjahrfeier der Österr. Komm. für die Internationale Erdmessung, 1964, bes. S. 19, 25 (m. B.); 150 Jahre TH in Wien 1815–1965, ed. H. Sequenz, 1–3, 1965, s. Reg.; Jauernig und das Jauerniger Ländchen, ed. H. Pachl, 1983, S. 271f., 274 (m. B.); J. Zeger, Die hist. Entwicklung der staatl. Vermessungsarbeiten (Grundlagenvermessungen) in Österr. …, 1992, bes. S. 149ff. (m. B.); K. Bretterbauer, in: Vermessung & Geoinformation 2/2009, S. 244 (m. B.); TU, WStLA, beide Wien; UA, Rostock, D.
(M. Pesditschek)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 65, 2014), S. 351f.
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