Tollinger, Johann (1847–1926), Politiker, Funktionär und Physiker

Tollinger Johann, Politiker, Funktionär und Physiker. Geb. Wilten (Innsbruck, Tirol), 10. 1. 1847; gest. Innsbruck (Tirol), 21. 10. 1926; röm.-kath. Sohn des Landwirts Johann T., Vater der Ursulinen-Chorfrau Maria Annunziata T. (1882‒1978), die 1925 in Innsbruck zum Dr. phil. prom. und 1909‒51 am Lyzeum bzw. an der Frauenoberschule der Ursulinen in Innsbruck unterrichtete; verheiratet mit Antonia T., geb. Schönach. ‒ Nach dem Gymn. stud. T. 1867‒70 Physik an der Univ. Innsbruck. Ab 1872 war er als Ass. am dortigen physikal. Inst. tätig, unterbrochen durch Stud.aufenthalte in Würzburg und Leipzig 1876 und 1877; 1876 Dr. phil. aus Physik in Verbindung mit Chemie. 1879 habil. sich T. für physikal. Chemie, noch im selben Jahr wurde er zum Dir. der landwirtschaftl. Landesanstalt Rotholz bestellt, die er bis zu seiner Pensionierung 1910 leitete. Die Qualifikation für diese Position hatte er sich durch Arbeiten im Bereich der Meteorol., Klimatol. und Bodenphysik erworben, sein Habil.vortrag behandelte den Einfluss der physikal. Verhältnisse des Bodens auf die Landwirtschaft. Eine beantragte Erweiterung der Venia legendi um das Fach Bodenkultur wurde jedoch abgelehnt, auch seine 1879/80 gehaltene Vorlesung zur Meteorol. wurde mangels Interesses seitens der Studenten nicht weiter angeboten. T. baute die Schule in Rotholz zum fachl. Zentrum der land- und forstwirtschaftl. Bildung in Dt.tirol aus. Darüber hinaus wurde sie zu einer der bedeutendsten Kaderschmieden der sich entwickelnden bäuerl. wirtschaftl. und polit. Organisationen. Bes. Bedeutung hatte T. für die Entwicklung der landwirtschaftl. Genossenschaften in Dt.tirol. Ab der Gründung 1891 war er Obmann des Zentralverbands der Raiffeisenkassen (ab 1912 der Raiffeisenver. und landwirtschaftl. Genossenschaften), der sich 1923 gegen seinen Willen mit dem Kreditver. der Tiroler Bauernsparkasse zum Tiroler Genossenschaftsverband zusammenschloss. 1894‒98 leitete er auch den Verband der Molkereien Dt.tirols. T., Mitgl. der kath. Verbindung Austria Innsbruck, vertrat 1898‒1907 als Kath.-Konservativer den Landgmd.wahlkreis des Tiroler Unterlands im RR. Er gehörte dem landwirtschaftl. und dem volkswirtschaftl. Ausschuss an und setzte sich im Wahlreformausschuss letztl. erfolglos gegen die Einführung des allg., gleichen Männerwahlrechts und für ein Pluralwahlrecht für die Landwirte ein. Als pointierter Gegner einer Fusionierung mit den Christl.sozialen und wegen seiner Ablehnung der Wahlreform schied er 1907 aus der aktiven Politik aus. Obwohl er selbst die christl.soziale Politik ablehnte, waren Absolventen der von ihm geleiteten Schule maßgebl. am organisator. Aufbau des Tiroler Bauernbunds und der CSP in Tirol beteiligt. 1898 erhielt er das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens, 1904 den Orden der Eisernen Krone III. Kl.

W.: Die Raiffeisenkassen und der Tiroler Genossenschaftsverband, (1924).
L.: Die Fächer Mathematik, Physik und Chemie an der Phil. Fak. zu Innsbruck bis 1945, ed. F. Huter, 1971, s. Reg.; B. Erhard, Bauernstand und Politik, 1981, passim; R. Muttenthaler, Die Anfänge landwirtschaftl. Genossenschaften, phil. Diss. Wien, 1987, S. 337; 100 Jahre Inst. für Meteorol. und Geophysik (Kosm. Physik) der Leopold-Franzens-Univ. Innsbruck 1890‒1990, 1990, S. 13f.; UA, Innsbruck, Tirol; UA, Leipzig, D.
(F. Adlgasser)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 377f.
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