Tomašić, Nikola von (1864–1918), Politiker, Jurist und Ökonom

Tomašić Nikola von, Politiker, Jurist und Ökonom. Geb. Agram (Zagreb, HR) 13. 1. 1864; gest. Trešćerovac (HR), 29. 5. 1918. Sohn des Rechtsanwalts und Septemvirs Josip v. T. und der Emilija v. T., geb. Šufflay. – T. stud. Jus in Agram und Budapest. Ab 1890 als Sekr. des kroat.-slavon.-dalmatin. Min. in Budapest tätig, wurde er 1892 Prof. für Nationalökonomie an der Univ. Agram. Im selben Jahr zog er als Abg. in den kroat. LT (Sabor) ein, 1896 schließl. in den ung. RT, wobei er als Mitarb. und polit. Nachfolger des kroat. Bans →Károly Gf. Khuen-Héderváry fungierte. Von Juni bis November 1903 Minister für Kroatien, Slawonien und Dalmatien, war T. eine zentrale Figur der proung. Nationalpartei. Ab 1906 verfolgte er einen eigenständigen polit. Kurs. Von Februar 1910 bis Jänner 1912 hatte er auf Grund eines polit. Pakts mit der kroat.-serb. Koalition die Funktion des kroat. Bans inne. 1910 berief T. einen Sabor ein, auf dem er ein neues Wahlgesetz einbrachte, das eine Senkung des Wahlzensus und eine Erhöhung der Wahlberechtigten in Kroatien-Slawonien von 2 auf 6 % der Bevölkerung vorsah. Dies stellte einen wichtigen Sieg der kroat. Politik dar, wenngleich der Pakt zwischen T. und der Koalition, die immer größere Forderungen an ihn richtete, nach wenigen Monaten auseinanderbrach. T. wurde von der ung. Opposition einerseits, die ihm seine angebl. trialist. Haltung und seine Nähe zu Wien vorhielt, und von den kroat. Parteien andererseits kritisiert. Vergebl. versuchte er durch Lavieren zwischen den unterschiedl. polit. Blöcken, durch seine Kontakte zu einflussreichen Industriellen sowie eine bankenfreundl. Politik seine Position abzusichern. Schlussendl. musste er den K. um Auflösung des Sabors ersuchen, sodass es im Dezember 1911 zu Neuwahlen kam. Bei diesen errang seine Partei (Stranka narodnog napretka) 18 Mandate, was zwar relativ gesehen ein Erfolg war, den enttäuschten T. jedoch zur Demissionierung veranlasste. T. galt als einer der gebildetsten Kroaten seiner Zeit, er war polyglott und bibliophil, ein Kenner der Weltliteratur, insbes. auch der griech.-röm., ebenso wie der Ökonomie, Soziol. und der Staats- und Rechtswiss. Von seiner Belesenheit und seinem Wissen zeugt nicht zuletzt sein rechtshist. Opus „Temelji državnoga prava Hrvatskoga kraljevstva (Fundamenta juris publici Regni Croatiae)“ (in: Vjesnik kr. hrvatsko-slavonsko-dalmatinskoga zemaljskog arkiva 11, 1909; dt.: „Fundamente des Staatsrechtes des Königreiches Kroatien“, 1918), das nicht nur für die kroat. Rechts- und Geschichtswiss., sondern letztl. auch in polit. Hinsicht von Bedeutung war. 1911 initiierte T. die Gründung eines Lehrstuhls für kroat. Rechtsgeschichte an der jurid. Fak. der Univ. Agram und überließ seine rund 30.000 Titel umfassende Bibl. der Univ.

Weitere W.: Počela pogodbe i Pacta in favorem tertii, 1893; Govori narodnog zastupnika dr. N. pl. T.a izrečeni prigodom adresne debate u Saboru Kraljevina Hrvatske, Slavonije i Dalmacije, god 1897, 1897; Život i djela cara Konstantina VII. Porfirogenita, in: Vjesnik kr. hrvatsko-slavonsko-dalmatinskoga zemaljskog arkiva 20, 1918.
L.: Jutarnji list, 18. 9. 1921; J. Horvat, Politička povijest Hrvatske 1, 1990, S. 302ff.; D. Krapac u. a., Pravni fakultet u Zagrebu / Faculty of Law, Univ. of Zagreb, 2001, S. 88ff.; M. Kolar-Dimitrijević, in: M. Valentić – L. Čoralić, Hrvatska povijest 2, 2005, S. 562ff.; J. Horvat, Hrvatski panoptikum, 2007, S. 47, 78ff., 125, 195, 209, 247ff., 256.
(M. Trogrlić)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 391f.
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