Touaillon, Christine; geb. Auspitz (1878–1928), Literaturwissenschaftlerin und Feministin

Touaillon Christine, geb. Auspitz, Literaturwissenschaftlerin und Feministin. Geb. Iglau, Mähren (Jihlava, CZ), 27. 2. 1878; gest. Graz (Stmk.), 15. 4. 1928. Enkelin des Arztes Moritz Auspitz (geb. Nikolsburg, Mähren / Mikulov, CZ, 6. 5. 1803; gest. Wien, 2. 3. 1880), Tochter des Off. und Schriftstellers Leopold Auspitz (geb. Nikolsburg, 5. 12. 1838; gest. 23. 2. 1907) und von Henriette Auspitz, geb. Eggenberg (geb. um 1846; gest. 18. 10. 1895), Nichte von →Heinrich Auspitz, Schwester von Paul Auspitz und des Off. Walther Ernst v. Auspitz-Heydendorff (geb. St. Pölten, NÖ, 30. 10. 1888; gest. Wien, 19. 1. 1974); ab 1904 mit dem Notar Heinrich T. verheiratet. – Nach Absolv. der Bürgerschule in St. Pölten und Wien besuchte T. ab 1893 die Lehrerinnenbildungsanstalt des Zivilmädchenpensionats in Wien. 1897 erhielt sie die Lehrbefugnis für öff. Volksschulen und inskribierte als ao. Hörerin und eine der ersten Frauen an der Univ. Wien. Daneben unterrichtete sie an Privatschulen und legte 1902 die Externistenmatura am Staatsgymn. in Salzburg ab. I. d. F. belegte sie als o. Hörerin Dt. Philol. sowie Geschichte und prom. 1905 über Zacharias Werners Drama „Attila König der Hunnen“ bei →Jakob Minor. Als T.s Mann eine Stelle in Vorau erhielt, folgte sie ihm. Ihre begonnene Arbeit über ältere dt. Kinderliteratur musste sie aufgrund der schwierigen Bücherbeschaffung abbrechen. T. beschäftigte sich als Erste wiss. mit der Literatur von Frauen. Nach der Übersiedelung nach Stainz bei Graz 1910 begann sie mit ihrer Habil.schrift „Der deutsche Frauenroman des 18. Jahrhunderts“ (1919, Reprint 1979), die sie 1919 an der phil. Fak. der Univ. Graz einreichte, 1920 jedoch wegen eines unter Vorwänden verschleppten Bescheids zurückzog. An der Univ. Wien, wo es Widerstand gegen Frauen im akadem. Lehramt nicht in diesem Ausmaß gab, habil. sie sich 1921 nach →Elise Richter als zweite Frau sowie als erste Germanistin in Österr. Es folgte eine mehrjährige Lehrtätigkeit an der Univ. Wien, in der sie den Schwerpunkt auf die Geschichte des Romans und die moderne Lyrik legte. Da ihr Lebensmittelpunkt weiterhin im weststeir. Stainz lag, unterrichtete sie ab 1922/23 nur mehr im Wintersemester. Sie war Mitarb. am „Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte“ von Paul Merker und Wolfgang Stammler (Kapitel „Bildungsroman“, „Briefroman“, „Familienroman“, „Frauendichtung“, Bd. 1, 1925/26) sowie an der „Deutsch-Österreichischen Literaturgeschichte“ von →Johann Willibald Nagl, Jakob Zeidler und Eduard Castle (Kapitel „Lyriker“, Abschnitt zu Ada Christen, s. → Christiane v. Breden; „Zeitroman“, →Bertha Freifrau v. Suttner, Bd. 3, 1930). T. fungierte als Mithrsg. der Z. „Neues Frauenleben. Organ der freiheitlichen Frauen in Österreich“ (1911–18) und stand mit →Rosa Mayreder, →Leopoldine Kulka und →Auguste Fickert in engem Kontakt. Sie war auch in der Volksbildung tätig: Im Wr. Ver. Volksheim sowie an der Grazer Urania hielt sie Vorträge und proklamierte die Ideen des Schulreformers →Otto Glöckel. Vergebl. versuchte er, sie als Kandidatin für ein steir. LT-Mandat zu gewinnen. Sie war Vorstandsmitgl. des Allg. Österr. Frauenver. Wien, der Eth. Ges., der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit sowie im Verband der Akadem. Frauen Österr.

Weitere W. (s. auch Wissenschafterinnen in und aus Österr.; Internationales Germanistenlex.): Frauenprosa, in: Das Literar. Echo 25, 1922/23, H. 11/12; etc.
L.: AZ, 17., NFP, 17., 18. 4. 1928 (Parte); H. Schnedl-Bubeniček, in: Unterdrückung und Emanzipation, ed. R. G. Ardelt u. a., 1985, S. 69ff.; R. Leitner, in: Frauenstud. und Frauenkarrieren an der Univ. Graz, ed. A. Kernbauer – K. Schmidlechner-Lienhart, 1996, S. 210ff. (m. B.); P. Wiesinger – D. Steinbach, 150 Jahre Germanistik in Wien, 2001, s. Reg.; Wissenschafterinnen in und aus Österr., ed. B. Keintzel – I. Korotin, 2002 (m. B. u. W.); Internationales Germanistenlex. 1800–1950, 3, 2003 (m. W.); I. Wieser, in: Woment!: eine Würdigung der Grazer FrauenStadtGeschichte, ed. B. Behr, 2004, S. 118ff.; E. Grabenweger, in: Frauen schreiben gegen Hindernisse, ed. S. Blumesberger, 2010, S. 11ff.; E. Grabenweger, Germanistik in Wien. Das Seminar für Dt. Philol. und seine Privatdozentinnen 1897–1933, phil. Diss. Wien, 2014, S. 86ff.; UA, Wien; UA, Graz, Stmk.
(R. Müller)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 419
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