Truxa, Celestina (Cölestine); geb. Oeppinger (1852–1935), Herausgeberin, Vereinsfunktionärin und Lehrerin

Truxa Celestina (Cölestine), geb. Oeppinger, Herausgeberin, Vereinsfunktionärin und Lehrerin. Geb. Verona, Lombardo-Venetien (I), 4. 8. 1852; gest. Wien, 20. 5. 1935. Tochter des Off. und Kasernenverwalters der Festung Verona Josef Oeppinger (1810–1888) und der Handwerkerstochter Barbara Mauler (1818–1886), Mutter von Dr. iur. Robert T. (1882–1949) und HR Ing. Leo T. (1884–1976); ab 1880 mit dem aus Pürglitz (Křivoklát) stammenden Journalisten Leo Robert T. (gest. Interlaken, CH, 17. 8. 1886) verheiratet. – Über T.s Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. In Erscheinung trat sie erstmals 1875 als Privatlehrerin in Wien. Nach dem Unfalltod ihres Mannes übernahm sie die von ihm erworbene, wöchentl. erscheinende „Verkehrs-Zeitung“ als Eigentümerin und Hrsg. Sie führte das Bl., das sich als „Organ für Eisenbahnbeamte, Locomotivführer, Conducteure, Spediteure und alle Branchen des Eisenbahnwesens“ verstand, im Sinne ihres verstorbenen Gatten bis 1910 weiter. 1887 wechselte sie den Wohnsitz und bezog mit ihren beiden Söhnen jene Wohnung in der Karlsgasse 4 (Wien 4), in der →Johannes Brahms bereits drei Zimmer als Untermieter bewohnte. Als seine Vermieterin lebte sie insgesamt zehn Jahre Tür an Tür mit ihm. T. organisierte die häusl. Belange des Komponisten und rettete u. a. die Cello-Stimme aus dem 1891 entstandenen „Trio A moll für Pianoforte, Klarinette (oder Bratsche) und Violoncello op. 114“ aus dem Papierkorb. Als Brahms 1897 starb, war sie als Einzige bei ihm. Er hatte sie in seinem Testament mit 10.000 fl sowie mit seinen Möbeln, Bildern und anderen Objekten bedacht. 1889/90 engagierte sich T. als stellv. Ausschussmitgl. im Ver. der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien, daneben war sie eine der Schriftführerinnen der Wr. Auskunftsstelle für Wohlfahrtseinrichtungen. 1903 wurde sie für die Mitarb. der aus dem Londoner Kongress zur Bekämpfung des Mädchenhandels von 1899 hervorgegangenen Österr. Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels (später Österr. Mädchen- und Kinderschutzliga) gewonnen. Sie übernahm die Führung der Ver.geschäfte und fungierte 1904–14 als Gen.sekr. T. baute den Ver. zu einer weitvernetzten Organisation mit Stützpunkten in großen Städten der Monarchie aus und gewann Persönlichkeiten wie Nathaniel Frh. v. Rothschild und Albert Frh. v. Rothschild als Stifter. Enge Zusammenarbeit pflegte sie mit →Marianne Hainisch (Bund Österr. Frauenver.) und Berta Pappenheim (Ver. Weibl. Fürsorge, Frankfurt am Main). Durch die Liga fanden über 5.000 junge Frauen in sozial schwieriger Lage Unterstützung, u. a. errichtete die Organisation eine Mädchenschutzstation in Wien 15. Als Ver.büro fungierte T.s Wohnung in Wien 6, in der sie bis 1915 der Wr. Brahms-Ges. Schauräume mit Brahms’ Interieur zur Verfügung stellte. Ab 1920 bis zu ihrem Tod führte sie eine Tabak-Trafik. Den Brahms betreffenden Nachlass seiner Mutter schenkte Leo T. 1966 der Stadt Wien.

W.: Am Sterbebette Brahms, in: NFP, 7. 5. 1903; Wie ich mit J. Brahms bekannt wurde – Brahms als Hausgenosse, 1922 (Hs.), Am Sterbebette Brahms, o. J. (Hs., beide Wienbibl. im Rathaus, Wien).
L.: Biographien der österr. Dichterinnen und Schriftstellerinnen, ed. M. Nigg, 1893; S. Pataky, Lex. dt. Frauen der Feder 2, 1898; Ber. der Oesterr. Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels …, 1909–14; M. Kalbeck, J. Brahms 4, 2. Aufl. 1915, s. Reg.; S. Kross, J. Brahms 2, 1997, s. Reg.; P. Clive, Brahms and His World, 2006; Diözesanarchiv, KA, beide Wien; Diözesanarchiv Graz-Seckau, Stmk.
(M. Baumgartner)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 478f.
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