Tschinkel, Anton d. J. (um 1811–1892), Großindustrieller

Tschinkel Anton d. J., Großindustrieller. Geb. Schönfeld, Böhmen (Krásné Pole, CZ), um 1811; gest. Lobositz, Böhmen (Lovosice, CZ), 4. 12. 1892. Sohn von →August T., Bruder von →Emanuel T. und Franz T. (geb. um 1819; gest. 19. 3. 1889), Onkel von →Theodor T. (s. u. Emanuel T.) und von Franz T.s Sohn Albin Viktor T., Advokat und Stadtrat in Schönau/Šanov (Teplice). – Schon ab 1830 bauten T. und Emanuel T. das Unternehmen ihres Vaters als landesbefugte Kaffeesurrogat-Fa. August T. Söhne weiter aus. 1856 gründeten die Brüder gem. mit Franz T. eine weitere Fa., Brüder T., mit dem Zweck, landwirtschaftl. Flächen (6.000 Joch) v. a. mit Zichorien und Zuckerrüben zu bebauen. Beide Unternehmen entwickelten in den nächsten Jahrzehnten in Nordböhmen ein Netz von 17 meist einander ergänzenden Betrieben, die hauptsächl. Genussmittel herstellten. Dazu zählte eine noch während der Wr. Weltausst. 1873 gegr. Kaffeesurrogat-Fabrik in Schönfeld und ab 1857 eine Schokoladefabrik, beide mit Dampfkraft betrieben, sowie eine Kunstmühle, eine Kaffeesurrogat-, eine Schokolade- und eine Zuckerfabrik in Lobositz, eine Dampfmühle in Prosmik (Prosmyky), eine Bierbrauerei und Malzfabrik auf der 1869 erworbenen ehemaligen Herrschaft Tschischkowitz (Čížkovice), eine Tafelglasfabrik am Hüttengrund bei Niklasberg (Mikulov v Krušných horách), eine Flachsgarnspinnerei und eine Brettsäge, weiters Braunkohlewerke bei Dux (Duchcov) sowie in der Nähe von Laibach (Ljubljana), wo sie auch Fabriken für Feigen- und Zichorienkaffee besaßen. Erzeugt wurden im gesamten Unternehmen jährl. 15.000 Zentner Feigenkaffee und Zichorienkaffee-Surrogate sowie 2.000 Zentner kandierte Südfrüchte. Auf der Suche nach einem Ort zur Herstellung von Fässern kam T. 1860 nach Eichwald (Dubí). Gem. mit →Joseph Wilhelm Löschner beschloss er, dort eine Wasserheilanstalt, das Dianabad, zu errichten. Durch Zukauf erweiterte T. i. d. F. den Kurbereich, sodass Eichwald sich ab 1872 als Kurort bezeichnen durfte. 1878 wurde das Kurhaus Theresienbad eröffnet, wo man u. a. Nervenleiden heilte. 1864 erwarb T. die ehemalige Untere Waldmühle, errichtete dort eine Majolika-Manufaktur und produzierte ab 1874 auch Porzellan mit blauem Dekor. Die Wirtschaftsdepression der 1870er-Jahre wirkte sich stark auf die Lebensmittelind. aus. Veraltete Unternehmensstrukturen sowie finanzielle Engpässe führten 1885 zur Insolvenz und 1886 zu einem Zwangsausgleich; die Fa. Brüder T. wurde aufgelöst. Die Porzellanmanufaktur Meissen erwarb den Betrieb in Eichwald und stellte dort Porzellan mit Zwiebelmuster her. Emanuels Sohn Theodor T. führte unter dem Namen August T.s Söhne eine Kommanditges. weiter. Die Fa. wurde 1852 bei der Londoner, 1867 bei der Pariser und 1873 bei der Wr. Weltausst. sowie 1880 in Melbourne ausgez. 1881 erhielt sie den Titel k. u. k. Hoflieferant. T. wurde 1865 Ritter des Franz Joseph-Ordens.

L.: Laibacher Tagbl., 3. 3. 1873; Leitmeritzer Ztg., 7., 10., Laibacher Ztg., 9. 1. 1885; Prager Tagbl., 22., 23. 7. 1886, 6. 12. 1892; Teplitz-Schönauer Anzeiger, 7. 12. 1892; Großind. Österr. I; Biograph. Lex. der Wr. Weltausst. 1873, ed. M. Engel – Rotter, 1873, S. 116f.; Statist. Ber. der HGK in Laibach …, 1880, S. 375f.; Album der Ind. des Reichenberger HK-Bez., ed. A. Anschiringer, 1885, 1, S. 27f., 2, S. 18, 26; R. Lahmer, Industrielle Briefe aus Nordböhmen, 1886, S. 29ff.; K. M. Brousek, Die Großind. Böhmens 1848–1918, 1987, S. 76f.; F. Hantschel, Biographien dt. Industrieller aus Böhmen, o. J., S. 82f.; Websites Český porcelán akciová společnost Dubí (Zugriff 19. 5. 2014), Theresienbad in Dubí/Město Dubí (Zugriff 19. 5. 2014); Emanuel T. (Website Familie Klausthaler, D, Zugriff 19. 5. 2014).
(J. Mentschl)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 487
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